Alice in Wonderland (2010)

Da der Film relativ neu in den Kinos ist, möchte ich nicht, dass ich mit meiner Rezension jemandem den Spass verderbe. Wenn ich jetzt aber vor Spoilern warne, liest keiner den Post. Anderer Vorschlag – ich zensiere die Spoiler, indem ich sie ausspare, so werde ich es auch künftig halten. In diesem Review musste ich genau einen Spoiler zensieren, ihr könnt euch also sorglos durch den Text wuseln. Soviel zum Technischen. Nun zu Tim Burtons atemberaubenden 3D-Special, das ich mir gestern im randvollen Kino angesehen habe.

Story

Alice Kingsleigh ist ein 19-jähriges Mädchen, das sich in seinen Träumen immer wieder in einem Land wiederfindet, wo sie gemeinsam mit einem verrückten Hutmacher und einem Hasen in Gilet Tee trinkt. Als sie den im wahrsten Sinne des Wortes hochnäsigen Hamish heiraten soll, folgt sie stattdessen einem Hasen in den Wald und landet durch ein Loch im Unterland, wo sie sich dem Hutmacher und seinen Freunden im Kampf gegen die fiese rote Königin anschliesst…

Burton schreibt die Story um Alice so um, dass das Mädchen nun bereits erwachsen ist und wir uns nun im „Unterland“ und nicht mehr im „Wunderland“ wiederfinden. Offenbar ist Carrolls Version ohnehin nur eine Sammlung von einzelnen Stories, die bislang immer neu interpretiert wurden, sodass Burtons Zuschneidungen nicht viel wiegen.

Darsteller und Sprecher

Die Schauspieler geben eine sehr gute Leistung ab, allen voran Johnny Depp als lispelnder und schottisch sprechender, durchgeknallter Hutmacher. Auch Mia Wasisa… Wasauchimmer, die Darstellerin von Alice zeigt eine solide Performance, obwohl ich an dieser Stelle festhalten muss, dass man ihr die 19 Jahre nicht ansieht, vielmehr schaut sie wie ein 12 – 15jähriger Teen aus, der im falschen Film gelandet ist, um mich hier mal eines Kalauers zu bedienen 😉 Burtons Gattin Helena Bonham Carter überzeugt als martialische Rote Königin ebenso wie Anne Hathaway als ihr weisses Gegenstück. Soviel zu den Hauptdarstellern. Was in meinen Augen jedoch das echte Zückerchen an diesem Film ist, sind die prominenten Sprecher für die Figuren. Diese Namen zergehen einem – wie ein Zückerchen eben – auf der Zunge: Alan Rickman, Stephen Fry, Timothy Spall, Christopher Lee. Wer wen spricht, überlass ich eurem gut geschulten Gehör 😉 In der Darstellerauswahl hat Tim Burton, wie sooft, zwar ein gutes Händchen bewiesen, doch obwohl Johnny Depp als Hutmacher richtig abgeht, wünschte ich mir für nächste Burton-Filme einen anderen Hauptdarsteller, immerhin hat Depp in den letzten vier Burton-Filmen die oder zumindest eine Hauptrolle besetzt.

Burtons Handschrift

Unverkenntlich zieht sich Tim Burtons Duktus durch den Film. Auf schwarzweisse Fussböden folgen knorrige Äste und Bäume, die stark an bereits gesehenes aus Filmen wie „Nightmare before Christmas“ oder „Sleepy Hollow“ erinnern. Doch nicht nur diese starken Bilder lassen erkennen, wer hier am Werk war, sondern auch der abstruse Humor, der immer wieder zu Tage tritt. Die Igel-Golfende und Frosch-Torten-Dieb-Jagende Rote Königin sorgt für zahlreiche Lacher, und auch ihr Sidekick, Knave of Hearts, der Herzbube, sorgt für den ultimativen Lacher am Schluss, den ich aber nicht verraten möchte 🙂 Dieser Punkt wird auch immer wieder kritisiert, es wird gesagt, dass es nun „zuviel Tim Burton in einem Tim Burton-Film“ war, wobei ich eher sagen würde, dass es gerne noch mehr hätte sein können!

Danny Elfmans Soundtrack

Ein Score, der durchaus auch dem Genau-Hinhörer Lichtschwert gefallen könnte (der ja bekanntlich eher auf Williams-Scores steht :D), ist diese skurill anmutende Filmmusik von Genre-Krösus Danny Elfman, die mich zeitweise an Klänge von Williams oder Horner erinnern, wenn auch weniger an Williams als an Horner im einzigen bisher veröffentlichten Stück. Vom ersten Mal Durchhören her kann ich nur sagen, dass Elfman einen genialen Score geschaffen hat, ob es denn nun auch der Beste sein wird, kann erst die CD zeigen 😉 Jedenfalls vermischt sich der Sound fabelhaft zu einer Einheit mit den Bildern, dass der Zuschauer sofort mitgerissen wird.

YouTube Preview Image

Special Effects vs. 3D

Die Machart des Films ist nicht konventionell. Man hat einerseits mit echten Darstellern gearbeitet, andernseits jedoch viele CGI-Effekte eingebaut, sodass die Rote Königin nun einen übergrossen Kopf hat oder Alice nun sorglos schrumpfen, wachsen und wieder schrumpfen kann. Diese Machart verleiht dem Film durch ihre Komik, die auftritt, sobald man den Kopf der Königin erblickt, ein grosses Mass an Lockerheit. Die Tieranimationen sind unglaublich gut, und gerade die Szene mit den gestohlenen Törtchen (per klick zum YouTube-Clip) strotzt nur so von animalischer Glaubwürdigkeit. Grossartige Leistung in diesem Punkt. Etwas mager fällt dagegen die 3D-Technik aus. Ab und zu fliegt eine Tasse auf einen zu, man kriegt jedoch das Gefühl nicht los, dass der Film ursprünglich nicht für 3D produziert wurde, denn ansonsten unterscheidet sich das Bild kaum von einer durchschnittlichen 2D-Version, hie und da zeigt sich ein Relief – That’s it. Aber allzu dramatisch ist das nicht, zumal alle andern Punkte stimmen.

Fazit

Ein grossartiger Film, der verspricht was er hält – oder umgekehrt ;P Ich bin noch nicht sicher, ob ich Avatar oder Alice im Wunderland nun besser finde, gelungen sind die Beiden allemal. Grosses Kino gewährleistet!

  • Lichtschwert

    Deine Kritiken sind sprachlich sehr hervorragend! Du verdienst ein fettes Lob vom Kritikergleichgesinnten! 🙂
    Es ist eine große Ehre für mich, in einem deiner (vermutlich zahlreich gelesenen) Kritiken genannt zu werden. Das von dir verlinkte Lied gefällt mir auch ziemlich gut, schafft es aber auch nicht in die Kategorie „Außergewöhnlich“, was aber vielleicht auch an der Länge des Liedes liegt … 😕 Während Williams & Co. die Qualität auf teilweise 10 Minuten halten können, sind es hier leider „nur“ 1.40 Minuten …
    Bislang habe ich noch keine sonderlich positiven Kritiken über Alice gelesen, aber 7,5 von 10 IMDb-Sternen sprechen wohl für sich. 😉

    AntwortenAntworten
  • nila

    Klasse. Ich gucke mir den Film heute an. Super, dass ich deine umfangreiche Kritik vorher noch lesen konnte. Jetzt freue ich mich auf den Film. Vorher hatte ich eher gemischte Gefühle. 😉

    AntwortenAntworten
  • Christian

    Habe bisher eher verhaltene Rezensionen zum Film gefunden, da liest sich deine doch richtig gut! Weiß noch nicht, wann genau ich ihn mir angucke; bin auch etwas skeptisch wegen der deutschen Synchro, vielleicht sollte ich doch auf den DVD-Release warten…

    AntwortenAntworten
  • Silencer

    O-Ton in D ist selten. Wir haben eine sehr gute Synchro-Industrie, was sich leider auch darin auswirkt, dass OVs nu in sehr geringer Kopienanzahl im Umlauf sind.

    Was anders: Wovon handelt für Dich der Kern der Geschichte? So auf inhaltlicher Ebene?

    AntwortenAntworten
  • Christian

    Ich wüsste kein O-Ton-Kino in der Nähe, so was würde sich hier auch gar nicht rentieren… Und ob die Branche sehr gut ist, bezweifle ich mal, aber sie ist zumindest groß ^^

    AntwortenAntworten
  • Silencer

    Interessant. Ich finde, das ist ein „hochmoralischer“ Film, dessen Botschaft einem mit dem nackten Hintern ins Gesicht springt. Und zwar genau in dem Moment, in dem man nicht hinguckt.
    Hm. Muss ich mir nochmal Gedanken drüber machen.

    AntwortenAntworten
  • Josie

    Hallo,

    habe deine Beschreibung mit Interesse gelesen. Bin auf der Suche nach Informationen, ab welchem Alter der Film geeignet sei. Mein Schwiegervater würd so gern mit unsrem Sohn hinein gehen, jedoch hörte ich kürzlich einen Bericht im Radio, in dem jemand behauptete, er würde nicht mit einem 10-jährigen, sondern erst mit einem 14-jährigen hineingehen. Erhoffe mir von dir einen Tipp!

    Hmmm… habe einen sehr gescheiten 10-jährigen Sohn, der nur mit ausgewählter Kinokost groß wurde. FSK immer im Auge, wenn FSK größer als sein Alter war, haben wir uns die Sachen immer vorher angesehen. Herr der Ringe darf er noch nicht sehen, Harry Potter kennt er noch nicht alle (wenngleich er längst alle Bücher las), Avatar durfte er mit uns sehen, der gefiel ihm gut.

    Kannst du mir einen hilfreichen Rat geben? Ich kenne den Film nicht und habe keine Gelegenheit, mir ihn in Bälde anzuschauen. In zwei Tagen wäre ein Kinobesuch geplant – vorausgesetzt ich gebe grünes Licht…

    Danke für eine Antwort, gern auch per Mail! Gruß Josie

    AntwortenAntworten
  • Josie

    Danke 🙂 Das ging ja schnell!

    Unblutiger ist prima. Und nicht brutaler als Avatar ist gut. Hört sich so an, als könnte es gut gehen und Opa und Enkel sich im Kino erfreuen.

    LG, Josie

    AntwortenAntworten
  • Alice in CGI-Wonderland « It's Magic!

    […] Graval spricht von einem Film, “der verspricht was er hält”; Britta hält diese Alice für “ein viktorianisches Riot Grrl”; Dos Corazones sieht hier eines “der massentauglicheren Burton-Werke, ohne große Überraschungen” – ich behalte ein kreatives Spiel mit dem Alice-Stoff in Erinnerung, das sehr viel Potential mit stupider Technik-Protzerei verschwendet und in dieser Form auch von jedem x-beliebigen Regisseur außer Burton realisierbar gewesen wäre. […]

  • Das war ein geiles Jahr! « Ploppers Wörld

    […] März stand im Zeichen von Alice im Wunderland, den ich unter anderem mit meinen Eltern schauen ging. Auch ganz genial war mein 5000-Klick-Tag, […]

  • Oscar-Fazit « Ploppers Wörld

    […] gewannen, und zwar „Inception„, der gleich vier Trophäen mitnehmen durfte, und „Alice in Wonderland“ der bei drei Nominationen mit zwei Goldmännern sehr gut bedient war. Beide gewannen aber […]

  • Wham! – Fokus Sommer 2012 « Ploppers Wörld

    […] plant bereits konkret für Pirates of the Caribbean 5, Johnny Depp („Alice in Wonderland„) will das Ganze aber langsam angehen, und die Filme so speziell lassen, wie sie […]

Kommentar schreiben