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Owley.ch

Jagten (2012)

“Ich kenne mein kleines Mädchen. Sie lügt nicht.”

Es gibt weissgott genug Filme, die sexuelle Übergriffe thematisieren, sei das bei Erwachsenen, oder bei Kindern, sei das aus Täter- oder Opferperspektive. Der Kehrseite dieser Thematik, dem fälschlich unterstellten Übergriff, der, wie man etwa im Fall Kachelmann sieht, irreparable Schäden nach sich zieht, widmete sich hingegen bisher kaum ein Film. Thomas Vinterberg, der 1998 mit Festen bereits die preisgekrönte Geschichte eines Vaters, der seine Kinder missbrauchte, und damit erstere Variante, auf die Leinwand brachte, wurde von einem Psychiater dazu gedrängt, sich doch auch der zweiten Thematik anzunehmen. Und damit wären wir beim nordischen Drama goes Thrille, dem Cannes-Überflieger Jagten.

In einer dänischen Kleinstadt lebt der geschiedene Anfangsvierziger Lucas, der nach der Schliessung der Schule, an der er unterrichtete, in einem Kindergarten arbeitet. Und dort nimmt die Lüge auch ihren Lauf, denn aufgrund eines unglücklichen Missverständnisses behauptet die kleine Klara, die Tochter von Lucas’ bestem Freund Theo, dass dieser sie sexuell belästigt hätte. Dieses Gerücht fällt zu allem Unglück auf nahrhaften Boden, sodass sich Lucas plötzlich damit zurechtfinden muss, Opfer dreister Vorverurteilungen zu werden und sich seine Freunde von ihm abwenden. Die Jagd auf den Pädophilen ist eröffnent.

Was an Jagten erstaunt, ist, dass bis auf Lucas’ Freund Bruun und seinen Sohn Marcus niemand auch nur einen Moment and die Konsequenzen einer derartigen Vorverurteilung denkt, dass niemand überlegt, ob Lucas nicht doch unschuldig sein könnte. Es ist fast, als ob die Beteiligten Lucas als Pädophilen sehen wollen, denn selbst ein Geständnis der kleinen Klara stösst auf taube Ohren. So unglaublich das klingt, so authentisch erzählt das Thomas Vinterberg, was unter anderem auch den gut aufspielenden Darstellern, zuzuschreiben ist – allen voran natürlich Mads Mikkelsen in einer umwerfenden Performance als verletzlicher und verletzter Lucas, mit dem man mitleidet und mitfiebert bis zum Schluss.

Der Schluss könnte dann auch schwächeln – wäre da nicht Vinterbergs Script, das selbst als die Katastrophe überstanden zu sein scheint, dem Zuschauer mit einem finalen Paukenschlag ins Gewissen ruft, welche bleibenden Schäden ein derartiges Gerücht effektiv hinterlässt. Auch wenn Lucas seinen Sündigern zu vergeben scheint, wird er auf Vergebung für seine fiktive Taten noch lange warten müssen. So funktioniert das Spiel nun mal. Und der dänische Regisseur sorgt mit packenden Bildern und reduzierten musikalischen Mitteln dafür, dass wir dabei gebannt zusehen, wie langsam, Schritt für Schritt ein Leben zerstört wird.

Aber zum Glück konnte Lucas seine Unschuld beweisen, indem er seinen besten Freund verprügelte.

Jagten schockiert und fasziniert zugleich. Nicht durch brutale Bilder oder überraschende Wendungen, sondern durch die Art, wie uns Thomas Vinterberg unter tatkräftiger Mithilfe seines grossartigen Hauptdarstellers schonungslos aufzeigt, wozu wir tatsächlich fähig sind. Der Film ist wahrlich keine leichte Kost, aber nichtsdestotrotz ohne Frage ein heisser Kandidat für den anstehenden Awardherbst.

Das 8. Zurich Film Festival zeigt Jagten am 27. September um 21.30 Uhr (Arthouse Le Paris).

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    5 Kommentare

  • Lukas

    Steht seit dem Trailer, den ich vor einigen Wochen im Kino gesehen hab, schon ganz oben auf meiner To-Do-Liste – jetzt erst recht :)

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  • Die Bildunterschrift … ô.o Egal, klingt interessant, war beim Trailer schon so. Vermutlich recht moralisierend, aber das ist bei dem Thema ja kaum zu vermeiden.

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  • @Lukas: In der Tat, der dürfte dich begeistern.
    @Sebastian: Ich gebe zu, ich hatte schon bessere Tage. ;) Und bezüglich Moralin: Der Film legt die Rollen Opfer/Täter klar fest, aber da hat es sich dann auch schon. Ansonsten ist er sehr objektiv.

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  • Auf den freue ich mich schon so!

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  • @Stefan: Ist wirklich gut, bisher zusammen mit Beasts of the Southern Wild und Broken mein Festivalhighlight.

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