Ein Offener Brief an Christian Jungen

Lieber Herr Jungen,

Ich muss Ihnen im Bezug auf Ihren Artikel „Hollywood träumt nicht mehr“, den Sie in der heutigen Ausgabe der NZZ am Sonntag (Seite 66) verfassten, widersprechen. Damit wir uns verstehen: Ich stimme Ihrem Ansatz, dass Hollywood leider je länger, je mehr die Ideen ausgehen, im Grunde zu. Ich finde es auch schade, dass jedes Buch, das mehr als fünf Leser findet, einer Verfilmung entgegenblickt und zu jedem erfolgreichen Animationsfilm schon vor dem Release ein Drehbuch für die fünfzehn Fortsetzungen existiert. Aber jetzt vorschnell zu behaupten, dass deshalb alle Sequels und Adaptationen Blödsinn sind, wird jenen Beispielen, die effektiv überzeugen konnten, nicht gerecht. Selbst, wenn das Gegenteil der Fall zu sein scheint, gibt es gute Verfilmungen und Fortsetzungen – Beispiele wie The Lord of the Rings, The Dark Knight oder Toy Story 3 sprechen da doch eine sehr deutliche Sprache.

Es gibt sie natürlich schon, die schlechten Blockbuster, die nur des Geldes wegen und nach einer bestimmten Erfolgsformel produziert werden, aber die gab es schon immer. Der von Ihnen erwähnte Speed Racer ist ein aktuelleres Beispiel, aber auch wenn man weiter zurückgeht, findet man Filme, die offensichtlich nur mit dem finanziellen Erfolg im Hinterkopf produziert wurden. Der vierzehn Jahre alte Godzilla von Robert Emmerich etwa erschien „zufälligerweise“ nur ein Jahr nach Spielbergs Dino-Spektakel Jurassic Park, floppte aber dennoch oder gerade deshalb an den Kassen. Bei einem Budget von 130 Millionen spielte er nur deren 379 ein, was im Verhältnis leider ungenügend ist. Und als Star Wars 1977 Filmgeschichte schrieb, entschieden sich die Macher der Bond-Filme spontan, den im Weltraum spielenden Moonraker vorzuverschieben – bis heute gilt dieser Film, der zwar finanziell ziemlich erfolgreich war, als einer der unglaubwürdigsten Bond-Filme.

Was mich aber am meisten stört an Ihrem Artikel ist die Aussage, dass die Studios die schlechteste Blockbuster-Saison seit zwanzig Jahren hinter sich hätten. Das mag vermutlich im Bezug auf fatale Misserfolge wie John Carter oder Battleship stimmen, könnte aber, wenn man nach den tatsächlichen Erfolgen geht, nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Die beiden erfolgreichsten Filme des vergangenen Jahres, Harry Potter and the Deathly Hallows – Part 2 und Transformers: Dark of the Moon spielten gemeinsam und unter tatkräftiger Unterstützung der 3D-Technologie 2,451 Milliarden ein. Im laufenden Jahr sind The Avengers und The Dark Knight Rises die beiden Spitzenreiter, und sorgten gemeinsam für 2,586 Milliarden an Einnahmen, also 135 Millionen mehr als noch 2011, und das ausserdem mit lediglich einem 3D-Film. Das ist ein Höchstwert, der nur von jenem 2009 (Avatar und Harry Potter and the Half-Blood Prince – 3,716 Milliarden) übertroffen wird, und auch nur, weil Avatar bereits alleine mehr einnahm, als die beiden Filme zusammen. Von einer schlechten Blockbuster-Saison kann also nun wirklich nicht die Rede sein.

Und wenn Sie dann in einer halbherzigen Statistik zeigen, wie die Leute in der Schweiz für die „schlechten“ Fortsetzungen nicht ins Kino gehen, dann muss ich eben schon protestieren. Einerseits verschleiert die Statistik Erfolge wie die beiden oben genannten Superheldenfilme, die vermutlich auch in der Schweiz die Kassen klingeln liessen (Zahlen liegen mir da leider nicht vor). Andererseits ist die Schweiz, was Filme betrifft, bei weitem nicht das Mass aller Dinge – ins Kino geht man hierzulande nur sehr selten, und wenn, dann meist in irgendwelche Rom Coms oder Animationsfilme – das sind erfahrungsgemäss die Filme, die Herr und Frau Schweizer besuchen. Insofern ist die Statistik nicht wirklich aussagekräftig, da sie die erfolgreichsten Filme ausblendet, und die weniger erfolgreichen Filme an einem Publikum misst, das sich in den vergangenen Jahren einem völlig anderen Genre zugewandt hat.

Darum ist es meiner Meinung nach falsch und viel zu simpel, all diese Faktoren jetzt auf einen Fehler der zuständigen Studios zu reduzieren. Zu sagen, dass das Publikum für die Filme nicht ins Kino geht, weil sie schlecht sind, ist nur im Ansatz richtig, korrekt wäre wohl eher, dass das Publikum die Filme nicht im Kino sieht, weil sie zu Hause bereits auf der Festplatte sind. Den Faktor des Streamens oder illegalen Downloads lassen Sie in Ihrem Artikel nämlich gänzlich aussen vor. Dabei nimmt das gerade in der Schweiz immer mehr Überhand und leider scheint dagegen kein Kraut gewachsen. Für die Studios heisst das, dass die Budgets gekürzt werden müssen, damit bei den zurückgehenden Einnahmen immerhin noch etwas herausspringt. Und wo die Budgets gekürzt werden, leidet auch die Qualität, erst recht, wenn es sich um mit der grossen Kelle angerührte Blockbuster handelt.

Das Ganze ist also eine Symbiose – wenn der Zuschauer nicht zahlen will, liefert Hollywood nicht mehr, um es ganz banal auszudrücken. Dass dabei aber dann dennoch derart erfolgreiche Filme wie Inception, The Avengers, Avatar oder The Dark Knight Rises reüssieren, zeigt doch gerade, dass man in Hollywood allen Widrigkeiten zum Trotz bemüht ist, Spektakel zu bieten, selbst wenn die Zeiten für Filmschaffende unangenehm sind, und der Trend immer stärker zu hirnlosem Kino tendiert. Wegen ein paar Fehltritten braucht man die Traumfabrik aber noch längst nicht abzuschreiben, dafür gibt es noch zuviele talentierte Leute, die wissen, was sie machen.

Mit den besten Grüssen
Owley Samter

  • Lukas

    Zumal man neben finanziellen Aspekten zwei grundlegende Dinge immer beachten muss:
    1. Haben auch zweifach aufgegossene Remakes ihre Darseinsberechtigung, solange sie auf die eine oder andere Weise ihre Vorgänger zu übertreffen wissen. Neu ist weder prinzipiell besser, noch schlechter, und viele Neuverfilmungen gehören leider eher letzterer Kategorie an. Pauschalisieren sollte man das aber nicht.
    2. Es kommt immer auf den persönlichen Geschmack an. Das beeinflusst maßgeblich auch Punkt 1 – inwiefern eine Neuauflage alte Filme qualitativ und unterhaltungstechnisch übertreffen kann. Dass der Großteil aller Kinogänger eher oberflächlich angesprochen wird und damit vollkommen zufrieden ist, ist kein Geheimnis und sicherlich der Hauptgrund, warum auch mäßige Filme teils große Erfolge feiern. Dass Hollywood dies viel zu oft schamlos ausnutzt, ist sicherlich eine anderer, berechtigter Gedanke; doch auch hier ist Pauschalisierung meiner Ansicht nach absolut fehl am Platz. Die Antwort nach der Frage des Sinns eines bestimmten Filmes X ist in den aller meisten Fällen einfach nicht eindeutig zu beantworten.
    Und als Bemerkung meinerseits als Kinogänger, ganz allgemein: Ich habe gar kein Problem damit, mir philosophisch nicht allzu tiefe Einblicke gewährende Filme wie Battleship oder Transformers auf der großen Leinwand anzugucken. Im Gegenteil: Wenn mir danach ist – was durchaus öfter vorkommt – verbringe ich damit liebend gern meine Zeit. Sogar für die allmählich unverschämt teuren Kinopreise – so viel ist mir persönliche Unterhaltung dann doch wert, ganz unabhängig davon, wie „schlecht“ Hollywoods Produktionen angeblich auch sein mögen.

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  • Cem

    Filme wie END OF WATCH, LOOPER, TED, PROMETHEUS, THE CABIN IN THE WOODS, DRIVE oder THE BEASTS OF THE SOUTHERN WILD (um nur ein paar zu nennen, die aber immerhin aus den verschiedensten Genres stammen) beweisen, dass kreatives Kino sehr wohl noch existiert. Gerade diesen Filmjahrgang fand ich um einiges wohltuender (kreativer und abwechslungsreicher) als beispielsweise noch der letzte.

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  • Kryll

    Hollywood ist sich einfach viel zu selbstgefällig und erscheint mir deshalb (natürlich mit bestimmten Ausnahmen) gar nicht bemüht etwas neues und kreatives zu erschaffen. Dazu kommt noch dass die Amis sich auch ein bisschen zu sehr selber feiern. Der übermässige Einsatz von CGI hilf ihnen auch nicht, das war am Anfang noch beeindruckend, heutzutage empfinde ich es aber eher als nervend. Meistens sind independent Filme egal ob aus den USA, Asien oder Europa einfach viel mutiger, kreativer und man merkt, dass mehr Wert auf die Leistung der Schauspieler und die zu erzählende Geschichte gelegt wird als auf Effekte.

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  • donpozuelo

    Gibt’s den Artikel von Herrn Jungen irgendwo im Netz? Würde mich ja mal interessieren…
    Ist schon irgendwie immer ein bisschen blöd, wenn „qualifizierte“ Arthouse-Liebhaber mit den vielen Fortsetzungen nichts anfangen können und ständig die Fantasielosigkeit Hollywoods bejammern. Klar, bei vielen Filmen ist das so – aber Hollywood hat auch immer noch genügend feine Perlen. Und wer nicht ständig Superhelden sehen will, der hat auch andere Möglichkeiten.

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  • #ZFF 2012 – Filmkritik zu BEASTS OF THE SOUTHERN WILD | BLOGBUSTERS

    […] Spinoffs, Comic-, Vidogame- und sogar Spielzeug-Verfilmungen gelangweilt ist und sich nach einem frischen Wind in Hollywood sehnt, ist bei BEASTS OF THE SOUTHERN WILD genau […]

  • Julian

    Francis Ford Coppola hat bereits in den 90ern behauptet, Hollywood ginge die Ideen aus. Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite frage ich mich, warum es für jeden Mist eine Fortsetzung geben muss. Positive Ausnahmen wie TS3 (den ich viel besser finde als Teil 1) sind da leider viel zu selten. Was leider immer weniger wird, sind Filme wie Almost Famous, E.T. oder Star Wars, also Filme, in die man sich hineinträumt. Filme, die für sich allein stehen (Star Wars oder Indy lasse ich jetzt mal außen vor – besonders SW oder LOTR sind ja streng genommen eine durchdachte, abgeschlossene Geschichte) und die Magie des Kinos vermitteln. Tintin war z. B. einer dieser Filme. Das Gefühl, das man früher bei manchen Trailern hatte, hat man leider nur noch selten. Wie dem auch sei: Da ist evtl. auch ne Menge Nostalgie mit beigemischt. Als Kind sieht man Kino noch anders. Andererseits: Amelie, Tintin, Almost Famous oder Gainsbourg – Sie begeistern eben so, wie die Filme der Kindheit. Und sie sind gut erzählt, magisch. Für Filme gilt, da gebe ich dir Recht, das gleiche wie für Musik. Sie sind auf viel zu vielen Festplatten. Bei der Musik wird gerne behauptet, Castingschrott zerstöre die Industrie, da die Musik keiner kauft. Nun, wer Castingstars wählt, kann hinterher nicht behaupten, die Musik sei schlecht. Man könnte ja auch ausschalten, andere Musik hören und ins Kino gehen. Tut man aber nicht und das Produkt ist längst geklaut. Der Qualitätsdiskurs nur Schutzbehauptung.

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  • Alan

    Hab den betreffenden Artikel zwar nicht gelesen, doch ich danke für diese Antwort (die du dem entsprechenden Schreiberling hoffentlich hast zukommen lassen…?). Diese neunmalklugen „Analysen“ gehen mir sowieso mit schöner Regelmässigkeit auf den Keks.

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  • Julian

    Toy Story 😉

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