La Vie d’Adèle – Chapitres 1 & 2 (2013)

Adele

„J’ai l’impression de faire semblant, de faire semblant de tout quoi. Moi, il me manque un truc.“

Seit sie auf der Strasse einem Mädchen mit blauen Haaren begegnet ist, kann Adèle an nichts anderes mehr denken. Als sie sie einige Tage später in einer Bar wiedertrifft, kommen sich die beiden näher, und mit einem Moment wird alles, was Adèle über ihre Sexualität wusste, in Frage gestellt. La Vie d’Adèle – Chapitres 1 & 2 von Abdellatif Kechiche basiert lose auf einem französischen Comic namens Le bleu est une couleur chaude (daher auch der englische Titel des Films) und gewann 2013 in Cannes die Goldene Palme. Die beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux wurden zudem mit einer Ehrenpalme ausgezeichnet.

Den Wellen, die der Film im Vorfeld schlug wird La Vie d’Adèle kaum gerecht. Der Film ist nur selten so provokant und unverschämt, wie ihn die Medien machten. Im Grunde ist Abdellatif Kechiches dreistündiges Werk nicht mehr als ein Coming of Age-Drama, das sich mit dem Finden der eigenen Sexualität befasst. Zumindest schlägt der Film diesen Weg im ersten der beiden „Chapitres“ ein. Kechiche stellt anhand der Liebesgeschichte dieser beiden Mädchen einige interessante Fragen und zeigt, wo allfälliges Konfliktpotential liegt. Wie enttäuschend ist es da, dass der Regisseur spannende Plot Points wie Adèles Rolle in ihrer Clique oder ihrer Familie völlig unbeachtet lässt und stattdessen für die zweite Hälfte einen total unverständlichen Zeitsprung vornimmt, der die Story in keiner Weise weiterbringt. Plötzlich beginnt dieses Ding, das sich La Vie d’Adèle nennt, zu bröckeln. Kechiche verliert allmählich die Kontrolle über seinen Film, Längen und Unstimmigkeiten schleichen sich ein und zu allem Übel verpasst er es auch, seinem Film einen vernünftigen Schluss zu verpassen.

Dabei sah es so vielversprechend aus. Das Drehbuch ist über lange Strecken spannend und wartet mit wunderbaren Dialogen auf, und auch schauspielerisch bekommen wir viel geboten – warum die grossartige Schauspielleistung der jungen Adèle Exarchopoulos während dieser Award-Season nicht stärker gewürdigt wurde, ist für mich völlig unverständlich. Die junge Actrice spielt die Rolle der verletzlichen und unsicheren Adèle mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit und blüht im Zusammenspiel mit Léa Seydoux noch einmal zusätzlich auf. Ihre Liebesbeziehung ist etwas vom Berührendsten, was ich in letzter Zeit im Kino gesehen habe. Und wohin sie auch gehen – immer ist Kechiche da, um diese kleinen Momente mit der Kamera einzufangen und jeden Einzelnen im grossen Stil zu zelebrieren. Dass wir da auch die ein oder andere Sexszene zu Gesicht bekommen, ist nur konsequent. Immerhin versteht es Kechiche, diese Szenen geschmacks- und kunstvoll umzusetzen, sodass die Kritiker eigentlich gar nichts mehr zu bemängeln haben dürften.

Über die Frage, ob sie mit Ramona Flowers verwandt sei, konnte Emma nur lachen.
Über die Frage, ob sie mit Ramona Flowers verwandt sei, konnte Emma nur lachen.

Wäre er erzählerisch nicht so verkorkst, wäre La Vie d’Adèle einer der schönsten Filme des Jahres. Adèle Exarchopoulos brilliert in der Hauptrolle dieses Coming of Age-Films, der nicht halb so provokant ist, wie er von einigen Leuten gemacht wurde.

8 Sterne

  • Sascha

    Ich fand den Zeitsprung gar nicht so unverständlich wie du. Hat irgendwie gepasst. Geht ja schließlich um Beziehung und wie sich sowas im Laufe der Zeit verändert, geht also schon klar.

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  • donpozuelo

    Ich gestehe, der Film hat mich von Anfang an nicht so sehr gereizt. Da glaube ich eher, dass ich mir die Graphic Novel durchlesen würde.

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  • Fox

    Ja, die Kritikpunkte hatte ich auch. Was war mit ihrer Familie und wie ging es mit ihrer Rolle in der Clique weiter? Wann zog sie mit ihrer Freundin zusammen?
    Das waren aus meiner Sicht Dinge, die man nicht einfach unter den Tisch fallen lassen sollte.
    Und ja, das Ende war auch sehr sehr mäßig.

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