Scheibenkritiken #14

Scheibenkritiken14

Das digitale Zeitalter hält bei den vierzehnten Scheibenkritiken Einzug: Von den vier besprochenen Alben sind zwei nur „virtuell“ erschienen. Just Jacks neue EP gibt es via Bandcamp zum Download, während U2 ihr Album in einem grossen Marketingcoup via iTunes verschenken. Immerhin wird da kommenden Monat dann auch ein physischer Release folgen. Hallo Hund, die neue Platte der Mundartakrobaten um Dabu Fantastic, und All You Can Do vom amerikanischen Slam Poeten-slash-Rapper Watsky, ergänzen diese Runde.

Dabu Fantastic – Hallo Hund

„Lampshade Hanging“ ist der Name eines Stilmittels in der Erzählung. Es steht für einen Trick des Autors, Schwächen oder potentielle Kritikpunkte des Werks in witziger Manier anzusprechen, um dem Kritiker den Wind aus den Segeln zu nehmen und Entscheidungen rechtzufertigen. Siehe dazu auch den Beitrag von TV Tropes zum Thema. Wenn Dabu Fantastic sich also auf einem Skit darüber mokieren, dass die Band auf ihrer neuen Platte nun „Pop und Rock und weiss de Tüüfel was“ macht, ist das natürlich ein geschickter Schachzug. Denn es ist offensichtlich, dass die Band um den grossgewachsenen Dabu Bucher mit Hallo Hund neue Wege geht – störend ist es aber nicht. Denn auch im massentauglichen Pop-Gewand spricht Dabu noch immer dieselben alltäglichen Themen an: Auf dem ruhigen Chliini Teili befasst er sich mit dem Wunsch nach dem eigenen Haus mit Garten, während sich der energiegeladene Track Hett si xeh um die wahre Liebe im Zeitalter der Smartphones dreht.

Hallo Hund ist eine ehrliche und authentische Scheibe, die nicht versucht, mehr zu sein. Rechtfertigen, das müssen sich Dabu Fantastic für ihr viertes Album definitiv nicht.

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– Sony Music (29. August 2014)

U2 – Songs of Innocence

Nach der Zusammenarbeit mit Chris Martin für den oscarnominierten Song Ordinary Love rechnete ich schon damit, dass das neue U2-Album Züge des kaugummibunten Coldplay-Pops aufweisen würde. Das ist zum Glück nicht der Fall, doch dafür hat man für Songs of Innocence mit Ryan Tedder, Danger Mouse und Paul Epworth gleich drei Star-Produzenten ähnlichen Kalibers an Bord geholt. Die mittlerweile dreizehnte Scheibe der Band um Weltverbesserer Bono Vox will offenbar das mangelnde Hit-Potential der letzten Platte No Line On The Horizon wettmachen, was aber nur bedingt gelingt. Denn abgesehen von The Miracle (of Joey Ramone) gibt es auf Songs of Innocence wenige Ohrwürmer oder potentielle Chartstürmer – dafür umso mehr heimliche Perlen, die einem auch nach Dauerrotation nicht verleiden.

Songs of Innocence wird U2 vermutlich keinen Charterfolg bescheren, doch das ist nicht weiter schlimm. Das neue Album der irischen Rocker gefällt auch so.

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– Island Records (9. September 2014 gratis via iTunes, 13. Oktober 2014)

Watsky – All You Can Do

Nicht viel mehr als ein Jahr liegt zwischen All You Can Do und Cardboard Castles, den beiden aktuellsten Alben des amerikanischen Wortakrobaten Watsky. Dennoch könnten die beiden Scheiben unterschiedlicher nicht sein: Nach Cardboard Castles, einem verspielten und unbeschwerten Album, dessen Verpackung man sogar zu einem Pappschloss zusammenbauen konnte, kommt mit All You Can Do ein deutlich ernsterer, nachdenklicherer und ja, auch erwachsener Nachfolger. Einiges ist passiert im Leben des heute 27-jährigen Rappers und das merkt man dem Album auch an. Der Titeltrack befasst sich unter anderem mit dem Vorfall während der Vans Warped Tour, als Watsky von einem zehn Meter hohen Gerüst sprang und dabei sich selbst, als auch Zuschauer verletzte. Auch seinen Umgang mit epileptischen Anfällen behandelt er auf Tears To Diamonds, der sich generell mit der Situation der Pharmaindustrie befasst. Einer der stärksten Titel dieser Platte, Cannonball, wartet zudem mit einem Feature von Rockikone Stephen Stills auf.

All You Can Do steht im Kontrast zu seiner letzten Platte – doch die lockere Gangart von Cardboard Castles, cool wie sie gewesen sein mag, vermisst man auf diesem erwachsenen und nachdenklichen dritten Album von Watsky nicht.

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– Steel Wool Media (12. August 2014)

Just Jack – Winning (EP)

Fünf Jahre ist es her, seit Jack Allsopp alias Just Jack sein letztes Album veröffentlicht hat. Mit dem reflektiven All Night Cinema konnte er nur bedingt an den Erfolg von Overtones anknüpfen – trotz starker Titel wie Embers oder The Day I Died – weshalb er dann auch ziemlich schnell wieder von der Bildfläche verschwand. Untätig war Just Jack aber nicht. 2011 erschien seine EP Rough/Ready, die er bei sich zuhause aufnahm, selber abmischte und mit der er bewusst nicht an seine Erfolge anknüpfen wollte. Nun hat er mit Winning erneut eine EP veröffentlicht, die ein ähnliches bodenständiges Konzept verfolgt und mir gerade deshalb so gut gefällt. Nicht nur das Titelstück ist eine Wucht, auch die anderen Tracks dieser 4-Titel-EP können überzeugen. Mit der Synthie-Hymne Droids gelingt es Just Jack zudem, sich zu einem gewissen Mass neu zu erfinden – ein stoisch hämmernder Beat und Funk-Elemente? Sehr gerne!

Winning ist eine abwechslungsreiche EP, die einzig daran krankt, dass sie keine echte Platte ist. Nachdem er jetzt schon zweimal eindrücklich bewiesen hat, dass er es noch immer drauf hat, wäre es mehr als wünschenswert, wenn Just Jack sich mal wieder einem Album widmen würde. Immerhin: Winning ist ein würdiger Ersatz.

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– ohne Label (1. September 2014, Bandcamp)

  • Illegitim

    Woah woah, neuer Watsky-Stuff, nice! Hört sich gut an, ich mochte „Cardboard Castles“ vom Stil her zwar durchaus, mehr davon hätte ich aber auch nicht gebraucht.

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