Interview mit Steve Martino

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Diesen Sommer wurde der weisse Beagle Snoopy 65 Jahre alt – das Aushängeschild der Peanuts-Comic Strips von Charles M. Schulz ist einer der wohl beliebtesten Cartoon-Charaktere. Und mit The Peanuts Movie von Blue Sky bekommen der freche Hund und sein Freund Charlie Brown auch gleich ihren eigenen Kinofilm. Der 3D-animierte Film wurde in den Staaten von den Kritikern regelrecht gefeiert – zu Recht, denn der Film ist wirklich wunderschön. Seit knapp einer Woche läuft The Peanuts Movie auch in die Schweiz.

Ich habe mich im Vorfeld des Kinostarts mit Steve Martino getroffen, der bei diesem Film Regie geführt hat. Nach Horton Hears a Who und Ice Age: Continental Drift ist The Peanuts Movie die dritte Regie-Arbeit für den amerikanischen Regisseur. Ich sprach mit ihm über die Tücken einer Umsetzung von so einer beliebten Vorlage, die Vorzüge von 3D-Animation und wie die Produktion von solch grossen Filmen abläuft.

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Ihr habt Peanuts auf eine für heutige Verhältnisse ungewöhnliche Art und Weise animiert. Wie habt ihr diesen ruckligen Animationsstil mit seiner tiefen Frame-Rate (die Bilderzahl pro Sekunde) entwickelt?

Wir sind alle grosse Fans der frühen Peanuts-TV-Specials von Regisseur Bill Melendez. Das Weihnachts-Special ist eines der besten Beispiele von gelungenem Storytelling und das Halloween-Special ist total witzig. Daran wollten wir anknüpfen, weshalb wir die Arbeit von Bill gut studiert haben. Wir haben dabei erkannt, dass wir die Charaktere in gewissen Posen halten müssen, wenn wir wollten, dass das gut aussieht. Man kann keine Inbetweens machen, also jene Zeichnungen, die die Animation erst flüssig aussehen lassen.

Charles Schulz zeichnete die Köpfe seiner Figuren in jeweils sechs verschiedenen Posen und sobald man mit dieser Regel bricht, sieht es falsch aus. Bill Melendez probierte damals noch, Charlie Browns Kopfbewegungen flüssig zu animieren, bis ihm Charles Schultz sagte, dass das schlecht aussieht und sie diese Idee verwarfen. Er entwickelte dann diesen ruckligen Stil, der die Peanuts prägte und der uns gut gefiel. Wir sagten uns: Das müssen wir auch tun!

Für uns bedeutete das, dass wir anders animieren mussten. Damals animierten sie aus Kostengründen „on two’s“, was heisst, dass man jedes Bild doppelt so lange hält. Dadurch hat man am Schluss trotzdem eine Abfolge von 24 Bildern pro Sekunde aber muss nur 12 Bilder zeichnen. Mittlerweile ist das nicht mehr nötig, aber wir fanden, dass das ein spannender Stil war. Ich glaube auch, dass unsere Animatoren diesen Film gerade deshalb so spannend fanden, weil er sich so stark von allem anderen unterscheidet.

Mit dieser Nähe zum klassischen Zeichentrick fragt man sich, warum man den Film nicht gleich traditionell animiert hat. War das je ein Gedanke?

Der entscheidende Faktor war sicher, dass ich bei Blue Sky kein Studio voller 2D-Animatoren zur Verfügung habe. Aber ich denke, die Wahl der 3D-Animation brachte sicher auch Vorteile, was die Glaubwürdigkeit dieser Figuren und der Welt, in der sie sich bewegen, betrifft. Und damit meine ich nicht, dass es fotorealistisch sein muss. Diese Welt ist sehr abstrahiert und stilisiert. Wir haben uns daher umso stärker bemüht, unseren Stil an jenen der Comic Strips anzupassen.

Ein weiterer Vorteil, der sich meiner Einschätzung nach durch das 3D ergibt, ist dass es eine zusätzliche emotionale Verbindung gibt. Es gibt im Film einen Moment, in dem Charlie Brown seine Hand auf Snoopys Schulter legt – ich glaube, das würde in 2D nicht ansatzweise so stark wirken. Der Schatten der Hand sorgt für eine Erwartungshaltung beim Zuschauer und die Berührung auf Snoopys Fell verstärkt die Reaktion beim Publikum. Ich denke, alleine schon für diese Details lohnt sich unsere Wahl.

Du bist selber mit den Peanuts grossgeworden. Inzwischen sind aber schon mehr als zehn Jahre verstrichen seit dem letzten Comic Strip – wie versucht ihr da, auch ein jüngeres Publikum, das die Figuren nicht mehr so gut kennt, anzusprechen?

Mit dieser Frage haben Craig Schulz und ich uns lange beschäftigt. Craig, der als Sohn von Charles immer von Fans umgeben war, ging davon aus, dass jeder die Peanuts kennt und weiss, dass Schroeder gerne Klavier spielt und Peppermint Patty sportbegeistert ist. Ich habe dann gesagt, dass wir auch jene Kinder nicht vergessen dürfen, die diese Figuren überhaupt nicht kennen. Wir müssen diese Charaktere sauber einführen und ihre Eigenarten und Qualitäten, die man aus den Comics kennt, auch auf der Leinwand zeigen. Im Grunde haben wir den Film genau gleich behandelt wie jeden anderen Film, wo man die Charaktere auch erst ordentlich einführen muss.

Wo wir ebenfalls über die Bücher mussten, war beim Tempo. Das Tempo des Films wird sicher anders sein als etwa bei einem Ice Age-Film, aber wir dürfen auch trotzdem nicht das Tempo der alten Peanuts-TV-Specials aus den Sechzigern übernehmen. Wenn man sich einen Film aus dieser Zeit ansieht, denkt man sich, dass das alles extrem langsam ist. Wir mussten also die richtige Balance finden zwischen dem alten Stil und den Erwartungen des Publikums heute, das mit einer gewissen Erwartung an so einen Film herantritt: Viel Emotionen, Spass, Action und viele Lacher – an denen haben wir lange gefeilt.

Man darf aber auch die vielen hartgesottenen Fans nicht vergessen, die mit den Figuren aufgewachsen sind. Wie seid ihr mit den Erwartungen der Fans der ersten Stunde umgegangen?

Das war ein grosser Motivator. Das war, was uns im ersten Jahr vorantrieb. Wir wussten schon früh in der Produktion, dass wir an irgendeinem Punkt das erste Bild veröffentlichen würden. Die Fans würden warten um den Film entweder gutzuheissen oder niederzumachen. Ich selber wäre so ein Fan gewesen, der mit der Flinte in der Hand gewartet hätte, um diesen Film zu vernichten, wenn er mir nicht gefallen hätte. Aus diesem Grund wusste ich, dass es brutal wichtig ist, dass wir saubere Recherche betrieben. Wir trafen unsere Entscheidungen immer basierend auf dem, was wir von Schulz’ Zeichnungen gelernt haben. Und damit hatten wir ein gutes Fundament für diesen Moment, wenn wir unser Projekt zum ersten Mal in Form eines Filmbildes präsentierten. Die negativen Reaktionen blieben aus und ich konnte wieder aufatmen.

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Wie wichtig war es dir, dass der Film trotz dieser Vorlagentreue deine Handschrift trägt?

Das wollte ich eigentlich nie.

Trotzdem mussten wir Entscheidungen treffen, die andere Leute anders getroffen hätten. Ich denke da an zwei Charaktere, die wir auf unsere eigene Art dargestellt haben. Das kleine Mädchen mit den roten Haaren sah man in den Comic Strips einmal in Silhouette. Wir haben diese Zeichnung bis ins kleinste Detail analysiert, aber viel gab sie leider nicht her. Bill Melendez zeigte sie in den TV Specials einige Male, aber ich fand, sie sah dort nicht so aus, wie in Schulz’ Zeichnung. Wir gestalteten sie also neu, und legten viel Wert darauf, so nahe wie möglich am Original zu bleiben.

Und dann ist da auch Fifi, die Hündin, die in Snoopys Fantasiegeschichte auftaucht. Fifi wird in den Comic Strips nur erwähnt, aber nie gezeigt. Bill Melendez zeigte sie in seinen Specials ebenfalls, aber ich fand sie sah zu sehr nach etwas, was Bill zeichnen würde, aus, und weniger, wie sie Schulz gezeichnet hätte. Also haben wir auch hier eine eigene Umsetzung gewählt und uns alle Hunde, die Schulz gezeichnet hat, angesehen. Daraus haben wir dann unsere Fifi gestaltet.

In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass viele Animationsfilme von Regie-Duos umgesetzt wurden – bei Ice Age: Continental Drift warst du ja auch in dieser Situation. Woran liegt das, und warum war das bei The Peanuts Movie nicht der Fall?

Ich glaube, das liegt daran, dass im letzten Jahr der Produktion, wenn nahezu 400 Leute daran arbeiten, einfach soviel zu erledigen ist. Da läuft soviel gleichzeitig, da ist man froh, wenn man die Aufgaben aufteilen kann. Wir haben dann jeweils die wichtigen Dinge wie die Storyfragen gemeinsam besprochen und ansonsten alles aufgeteilt. Das ist einerseits ökonomischer und andererseits reduziert es den Stress entscheidend..

Bei diesem Film habe ich so eng mit Craig Schulz und Brian Schulz und Cornelius Uliano, den Produzenten und Autoren des Films, zusammengearbeitet, dass wir fanden, eine weitere Stimme würde nur stören. Das bedeutete für mich, dass ich starke Leute für die Führungspositionen der einzelnen Abteilungen ins Boot holen musste. Meine leitenden Animatoren, mein Art Director, mein Beleuchtungsmeister – das waren alles grossartige Leute, die ich schon früh eingebunden habe. Sie trugen einen Teil der Last und stellten sicher, dass keine Fragen offen blieben.

Dieser Film hielt dich jetzt lange beschäftigt – da wirst du dir sicher erst einmal Ferien gönnen. Weisst du schon, was danach ansteht?

Die Produktion für Regisseure bei Blue Sky, und vermutlich auch bei anderen grossen Studios, kann man ein bisschen mit Bockhüpfen vergleichen: man ist mit einem Projekt beschäftigt, verpasst zwei, drei andere und ist dann beim nächsten Film wieder dabei. Ich hoffe einfach, dass ich nach jedem Projekt wieder in einer Position bin, wo ich noch einmal das ganze durchspielen kann.

Dann bist du bei Ice Age 5 also nicht involviert?

Nein. Ich war mit diesem Film so beschäftigt, dass ich nicht mitbekommen habe, was bei anderen Projekten abging. Ab und zu begegne ich Mike Thurnmeier und Gavin Chu, die den fünften Ice Age machen, auf dem Flur, aber das ist auch schon alles, was ich von diesem Film mitbekomme.

Ich bin jetzt nach der ganzen Hektik der Produktion endlich an einem Punkt, an dem über nächste Projekte nachdenken kann. Es gibt da einige interessante Dinge und eines, das ich speziell interessant finde. Vielleicht werde ich das in den kommenden Monaten entwickeln. Aber um Ice Age 5 kümmern sich andere.

Was würdest du jemandem raten, der im Animationsbusiness Fuss fassen möchte?

Da gibt es ganz vieles. Zum Anfangen würde ich vorschlagen, dass man sich ganz genau anschauen soll, wer die besten Animationsarbeiten abliefert. Man soll das genau studieren und vorallem verstehen. Nur wenn man versteht, was man erreichen will, kann man es noch besser machen. Und ich glaube, man kommt nicht ohne Arbeit davon. Das habe ich von Charles Schulz gelernt. Jeden Tag sass er an seinen Zeichentisch und ob er nun eine Idee hatte oder nicht, sass er hin, stellte die Uhr und zeichnete los. Heraus kam dabei fünfzig Jahre Material für The Peanuts. Aber man muss sich hinsetzen und arbeiten. Es passiert nicht einfach und ich glaube nicht, dass Leute perfekt geboren werden. Man muss an seinen Fähigkeiten arbeiten. Man lernt durch die Arbeit.

Was ich von den Animatoren mit denen ich zusammengearbeitet habe gelernt habe, ist dass man ein Gefühl dafür haben muss, was wichtig ist und was nicht. Die besten Animatoren wissen genau, wo sie die Animation reduzieren können, damit sie dem Zuschauer geben können, was er braucht. Sie wissen genau, was für ein Gefühl sie vermitteln wollen und können die Aufmerksamkeit des Zuschauers darauf lenken. Oft sind es Reduktion und Simplizität, die für die besten Shots sorgen.

  • Julian

    Schönes Interview und vor allem: Krass, dass du da rangekommen bist. Ich bin sehr gespannt auf den Film, einfach weil mich der Stil im Trailer positiv überrascht hat. Wenn er dann noch an die alten Filme rankommt, bin ich glücklich. Mir macht da natürlich die Aussage über das Tempo Angst – andererseits sind die alten Filme heute nicht mehr zeitgemäß und würden bei einem nicht-nosalgisch motiviertem Publikum vermutlich schlecht ankommen.

    Die Bemerkung über Charlie Browns Hand auf Snoopys Fell: Typisch Fachmann. Sowas sehen immer nur Menschen, die daran jeden Tag arbeiten und mit dem Herzen dabei sind. Kenne das aus der Musik.

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  • Joe Cool & the Gang | Going To The Movies

    […] seine Herangehensweise erfahren wollte, empfehle ich Owleys Interview mit dem Regisseur, das ihr HIER lesen […]

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