Owley am ZFF 2017: Abgekapselt

Tag 4: Sonntag, 1. Oktober 2017

Heute stehen wieder einmal zwei sich unglücklich überschneidende Pressevorführungen auf dem Programm. Michael Hanekes «Happy End» und der Cannes-Gewinner «The Square». Zum Glück muss ich mich nicht entscheiden, schliesslich habe ich «Happy End» ja bereits am Vorabend gesehen. Aber auch ansonsten wäre «The Square» (5/5) auf alle Fälle die bessere Wahl. Die abstruse Tragikkomödie von Ruben Östlund über Parallelgesellschaften, Verantwortung und die Kunstwelt zieht einen vom ersten Augenblick an in den Bann. Es bleibt einzig zu beanstanden, dass die schwedische Produktion mit rund zweieinhalb Stunden Laufzeit ein bisschen zu lang geraten ist – ein Umstand, den Östlund nie wirklich rechtfertigen kann.

Vor meinem nächsten Film bleibt noch etwas Zeit, und ich beschliesse, in der Stadt einige neue Sachen kaufen zu gehen. Erst als ich vor dem verriegelten und verschlossenen H&M stehe, realisiere ich, dass ja Sonntag ist und Läden dann geschlossen haben. Mir wird zum ersten Mal so richtig bewusst, wie stark ich mich in den letzten Tagen abgekapselt habe. Ist das noch normal? Brauche ich Hilfe? Hat Trump etwas Wichtiges getwittert? Ich weiss es nicht.

Auch mein zweiter Film führt mich wieder nach Stockholm zurück. Der Mann der titelgebenden «The Wife» (4/5) wird in der skandinavischen Metropole mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, weshalb das Paar die Reise nach Schweden antritt. Die von Glenn Close verkörperte Protagonistin ist dabei überraschend zufrieden mit ihrem Platz abseits des Scheinwerferlichts – doch schnell wird klar, dass etwas an dieser Rollenverteilung nicht stimmt. Der schwedische Filmemacher Björn L. Runge erzählt eine berührende Geschichte über Liebe, (unerfüllte) Wünsche und Ängste, die sich mit zunehmender Laufzeit immer stärker zuspitzt.

Als nächstes steht bei mir die Reprise von «Moneyball» auf dem Programm. Bevor es aber so weit ist, trinke ich im Riffraff noch einen Kaffee. Das kleine Kino ist zum ersten Mal Teil des Zurich Film Festival und es wirkt fast, als ob das breite Publikum davon noch nichts mitbekommen hätte. Während beim Festivalzentrum die Hölle los ist, geht hier alles gemütlich seinen Trott – genau, was ich jetzt brauche. «Moneyball» (4/5) ist denn auch so gut, wie ich mir das erhoffe. Zwar kein Film für die Ewigkeit, aber ein solides Sportdrama über das Zusammenspiel von Statistik und Sport. Eine weitere Bestätigung, dass Aaron Sorkin einer der grössten Drehbuchautoren der Gegenwart ist.

Ich treffe beim Riffraff auf Beni und seine Freundin. Beni hat als Teil des Künstlerkollektivs «Team Tumult» am ZFF 72-Trailer mitgewirkt (den sollte man sich unbedingt ansehen) und ist auch sonst schwer in Ordnung. Ich habe eine kurze Pause und einen grossen Hunger, weshalb wir beschliessen, uns einen Burger zu holen. Wir landen bei einem Laden, dessen ganze Daseinsberechtigung ist, dass er gesund oder nachhaltig oder sonst irgendwie sehr viel besser als alle andern ist. Also im Prinzip wie jeder Burger-Laden der nicht McDonald’s oder Burger King heisst.

Mein letzter Film des Tages ist «Brigsby Bear» (5/5), der schon seit einer Weile immer wieder auf meinem Radar landete, es aber ansonsten nie ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit schaffte. Die Komödie von Dave McCary erzählt die Geschichte eines Jungen, der als Kind entführt wurde und abgeschottet aufwächst. Als er aus den Fängen seiner scheinbaren Eltern befreit wird, macht er sich auf die Suche nach der letzten Folge seiner Lieblingsserie «Brigsby Bear». Der Film mit einem bestens aufgelegten Mark Hamill in der Nebenrolle ist so schrullig wie herzerwärmend und für mich eine der grossen Entdeckungen des Festivals.

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