Owley am ZFF 2017: Der drittletzte Tag

Tag 9: Freitag, 6. Oktober 2017

Langsam nähert sich das Zurich Film Festival dem Ende – bereits ist der drittletzte Tag angebrochen. Wenn alles so läuft, wie ich das geplant habe, stehen heute vier Filme auf meinem Programm. Ich starte den Tag mit «Breathe» (3/5), dem mit Spannung erwarteten Regie-Debüt von Andy Serkis. Ursprünglich wollte dieser ja eine Live Action-Umsetzung des Dschungelbuchs drehen, aber diese befindet sich nach dem Erfolg der Disney-Variante noch immer in Development Hell. Serkis hat nun stattdessen für seinen Erstling eine wahre Geschichte ausgesucht: «Breathe» erzählt die Geschichte von Robin Cavendish, der in den 60er-Jahren an Kinderlähmung erkrankte und der sich dank der Unterstützung seiner Familie und Freunde die Freude am Leben nicht nehmen liess. Der Film hat seine starken Momente, etwa wenn der von Andrew Garfield herrlich gespielte Robin an den Rollstuhl gefesselt nach Spanien reisen will, alles in allem ist «Breathe» aber zu unfokussiert und kitschig, als dass ich ihn ernst nehmen kann.

Noch nicht vollends überzeugt von Serkis’ Wechsel hinter die Kamera schlendere ich mit Nicoletta ins Riffraff, wo bereits die nächste Pressevorführung ansteht. «Jusqu’ à la garde» (5/5) steht auf dem Programm, und weder Nicoletta noch ich haben einen wirklichen Plan, was uns erwartet. Der vermeintliche Lückenfüller erweist sich aber als gute Entscheidung, denn das französische Familiendrama hat es in sich. Eine Mutter versucht, ihre Kinder nach der Scheidung von ihrem Mann (furchteinflössend gespielt von Denis Menochet) fernzuhalten – doch dieser gibt so schnell nicht nach. Xavier LeGrands Spielfilmdebüt ist ein aufwühlender Thriller, der einen so schnell nicht loslässt. Und wenn der Regisseur eine Szene dieses Films über einen missbräuchlichen Familienvater mit «Proud Mary» untermalt, stellen sich mir alle Nackenhaare auf.

Zum Glück haben wir noch etwas Zeit, um diesen heftigen Film ein bisschen sacken zu lassen. Wir setzen uns im Riffraff hin und beruhigen uns mit einem Kaffee. Ein Typ neben uns klinkt sich irgendwann ins Gespräch ein und empfiehlt mir noch einen Film für den morgigen Tag – ein südamerikanischer Roadmovie, der angeblich total gut sein soll. Mein nächster Film ist ein bisschen leichter verdaulich: «Shock and Awe» (2/5) von Rob Reiner hat dafür andere Schwächen. Der Discount-«Spotlight» über die Massenvernichtungswaffen-Rhetorik der USA vor dem Irak-Krieg geht einem mit seiner «Told you so!»-Attitüde und der undifferenzierten Charakterzeichnung verdammt schnell auf die Nerven. «Shock and Awe» hat seinen kurzen, starken Moment, als er in einigen Audioschnipseln fast schon nebenbei zeigt, wie nicht nur die Republikaner, nein auch die Helden der Demokraten für den Krieg gestimmt haben. Leider kann Reiner darauf nicht aufbauen – sein Film bleibt bis zum Schluss flach.

Ich bin noch ein bisschen hin- und hergerissen, welchen Film ich mir als nächstes ansehen möchte – ursprünglich war «Mother!» von Darren Aronofsky, der regulär im Kino läuft, geplant. Im letzten Moment beschliesse ich aber, mir noch das letzte Ticket für den Cannes-Gewinner «120 battements par minute» (5/5) zu schnappen. In rund zweieinhalb Stunden erzählt Robin Campillo die Geschichte einiger aidskranker Menschen im Paris der Neunziger Jahre, die sich mit allen Mitteln für eine offene Kommunikation seitens des Staates und vorallem gegen die Ausgrenzung von HIV-Positiven einsetzen. Die Figuren sind glaubhaft und die Schicksale gehen einem nah. «120 battements par minute» ist ein Film, der aufwühlt und wütend macht.

Am Abend wäre ich noch an einen Apéro und eine Party des ZFF 72-Wettbewerbs eingeladen, aber ich merke rasch, dass daraus nichts wird. Ich bin nach 9 Tagen und 30 Filmen ziemlich platt und brauche erst einmal meine Ruhe.

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