Owley am ZFF 2017: Best Of

Das 13. Zurich Film Festival ist vorbei, das gläserne Zelt wird abgebaut und der grüne Teppich eingerollt. Irgendein Helfer packt noch einige Lindor-Kugeln in seine Tasche.

In den letzten Tagen habe ich nicht nur unzählige Filme geschaut (insgesamt habe ich etwas mehr als zweieinhalb Tage im Kino verbracht), ich habe euch an dieser Stelle auch tagebuchartig über meine Zeit am und neben dem Festival auf dem Laufenden gehalten. Nun ist es also Zeit für eine Bilanz über die Filme, die ich gesehen habe. Mein Best Of gibt Aufschluss darüber, was es auch nach dem Festival im Auge zu behalten gilt.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Kinostart: 25. Januar 2018

Eine Mutter versucht, die Ermittlungen zum Vergewaltigungsmord an ihrer Tochter von Neuem aufzurollen, indem sie drei Werbeflächen am Strassenrand mietet und darauf den Sheriff anprangert. Der dritte Film des irischen Filmemachers Martin McDonagh ist pointiert geschrieben und schafft den Spagat zwischen Drama und Komödie, was gerade bei diesem Thema keine einfache Leistung ist.

Darum sollte man den Film auf dem Radar behalten:
Regisseur Martin McDonagh wird für das Drehbuch zu «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» seinen zweiten Oscar holen. Ob sich der Film auch in weiteren Kategorien durchsetzen kann, ist abhängig davon, wie offen die neu zusammengesetzte Academy für heftigere Stoffe ist.

You Were Never Really Here
Kinostart: TBA

Joaquin Phoenix spielt einen Veteranen, der versucht seinem Leben einen Sinn zu geben, indem er junge Mädchen aus den Fängen von Pädophilen rettet. Regisseurin Lynne Ramsay («We Need To Talk About Kevin») schafft mit diesem melancholischen Thriller ein starkes Stück Kino, das sich nahtlos neben den Grossen des Genres einreihen kann.

Darum sollte man den Film auf dem Radar behalten:
In Cannes wurde «You Were Never Really Here» mit dem Preis für das Beste Drehbuch, sowie Joaquin Phoenix mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet. Mit viel Glück könnte sich Phoenix für diesen Film sogar ein Oscar-Ticket angeln.

120 battements par minute
Kinostart: 18. Januar 2018

Vor einigen Jahren gewann das französische Coming of Age-Werk «La vie d’Adèle» in Cannes die Goldene Palme und wurde in der Folge auf seine expliziten Lesbensexszene reduziert. Es bleibt zu hoffen, dass «120 battements par minute», der dieses Jahr mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde, ein ähnliches Schicksal in Bezug auf seine schwulen Protagonisten erspart bleibt. Das Drama von Robin Campillo um einige aidskranke Jugendliche im Paris der Neunzigerjahre ist ein berührendes Stück Kino, das aufwühlt und noch lange in Erinnerung bleibt.

Darum sollte man den Film auf dem Radar behalten:
«120 battements par minute» ist ein ehrlicher Film über die Stigmatisierung von aidskranken Menschen, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Auch wenn sich die Lage in Frankreich inzwischen gebessert haben mag, so ist der Film auf die weltweite Entwicklung gesehen noch immer viel zu relevant. Und alleine deshalb muss dieser Film die Aufmerksamkeit bekommen, die er verdient.

Pop Aye
Kinostart: TBA

Eher zufällig landete ich in diesem Film und ich habe es nicht bereut. «Pop Aye» der singaporianischen Regisseurin Kirsten Tan erzählt von einem Architekten, der eines Tages mit einem gekauften Elefanten Reissaus nimmt. Ein feinfühliger, kleiner Road Movie, der einen in Versuchung bringt, selber mit einem Elefanten durchzubrennen.

Darum sollte man den Film auf dem Radar behalten:
Der Hauptpreisgewinner des ZFF ist Singapores Einreichung für die Oscars und zählt sicher nicht zu den Favoriten für eine Nominierung. Aber auch ohne Aussicht auf das Goldmännchen ist «Pop Aye» ein wunderschöner Film, der eine dringende Empfehlung verdient.

The Square
Kinostart: 26. Oktober 2017

Der Film von Ruben Östlund erzählt in «The Square» von einem Kuratoren, der versuchen muss, sein Leben und sein Kunstmuseum wieder in den Griff zu bekommen. Das Kunstdrama schildert auf charmante Weise, was passiert, wenn Parallelgesellschaften unverhofft aufeinandertreffen. Man verzeiht dem Film seine leichte Überlänge (zweieinhalb Stunden) gerne.

Darum sollte man den Film auf dem Radar behalten:
Östlund sorgte bereits mit «Turist» für internationales Aufsehen, mit «The Square» gewann er in Cannes nun die Goldene Palme. Der Film wurde zudem von Schweden für die Oscars eingereicht, wo er bereits als Kronfavorit gilt.

Le Fidèle (Racer and the Jailbird)
Kinostart: 12. April 2018

Ein rasantes Drama um eine toughe Rennfahrerin (Adèle Exarchopoulos), die sich in einen Bankräuber und Kleinganoven (Michael Schoenaerts) verliebt. Der Belgier Michaël R. Roskam («The Drop») erzählt mit seinem Film die Geschichte einer zerstörerischen Liebe, frei von Klischees und Moral.

Darum sollte man den Film auf dem Radar behalten:
Wie auch «The Square» geht «Le Fidèle» von einer Pole Position aus ins Oscar-Rennen, wo er Belgien vertritt. Und Roskam sollte man ohnehin im Auge behalten, der grosse Durchbruch des flämischen Filmemachers ist nur eine Frage der Zeit. Vielleicht mit seinem nächsten Film über einen russischen Tierschützer, für den er Brad Pitt gewinnen konnte?

Brigsby Bear
Kinostart: TBA

Aus der Feder zweier SNL-Schreiberlinge und mit Unterstützung von Lonely Island stammt die Geschichte eines jungen Mannes, der als Kind entführt wurde und nur mit der TV-Serie «Brigsby Bear» aufwuchs. Nachdem er von der Polizei befreit wird, macht er sich auf die Suche nach der neuesten Folge. Dave McCarys Komödie (mit Mark Hamill in der Rolle seines Lebens) ist ebenso absurd wie tiefsinnig und wartet mit interessanten Beobachtungen des Geek- und Fandom auf. Eine echte Trouvaille.

Darum sollte man den Film auf dem Radar behalten:
Was aus «Brigsby Bear» wird, steht noch in den Sternen. Der Film hat das Potential zum Grosserfolg, viel wahrscheinlicher ist aber, dass die schrullige Komödie sich beim breiten Publikum schwertun wird. Zu unrecht, denn dieser Geheimtipp ist ein behutsam erzählter und verdammt witziger Bärenfilm.

Blue My Mind
Kinostart: 9. November 2017

Es ist schon lange her, dass ich mich so sehr für einen Schweizer Langspielfilm begeistert habe wie für «Blue My Mind». Die Zürcherin Lisa Brühlmann erzählt in ihrem Regiedebüt die Geschichte der fünfzehnjährigen Mia, die sich mit den Veränderungen in ihrem Leben zurechtfinden muss. Ein wunderschön gefilmtes, düsteres Werk über die Angst vor Veränderung.

Meine ausführliche Kritik zum Film gibt es hier.

Darum sollte man den Film auf dem Radar behalten:
Am Zurich Film Festival wurde der Film mit gleich drei Preisen eingedeckt, und das ist erst der Anfang. Dieser Schweizer Film wird auch international für Furore sorgen, da bin ich mir sicher. Und das ist auch gut, denn unerschrockene, junge Filmschaffende wie Lisa Brühlmann braucht das Land.

The Killing of a Sacred Deer
Kinostart: 11. Januar 2018

Yorgos Lanthimos ist spätestens nach dem eigenwilligen «The Lobster» kein unbeschriebenes Blatt mehr. Mit «The Killing of a Sacred Deer» dürfte der griechische Filmemacher aber endgültig ins Rampenlicht treten. Die düstere Satire mit Colin Farrell und Nicole Kidman über einen Chirurgen, der von einem fremden Jungen (meisterlich: Barry Keoghan) gezwungen wird, eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen ist ein zweistündiger Schlag in die Magengrube. Lanthimos erzählt in bester Hitchcock-Manier: Jede Szene ist unangenehm, jede Einstellung störend. Ich bin begeistert.

Darum sollte man den Film auf dem Radar behalten:
Lanthimos ist kein Unbekannter in der Academy, «The Killing of a Sacred Deer» wäre bereits sein dritter nominierter Film. Der Film ist momentan sicher noch ein Aussenseiter, aber seine Chancen sind auf jeden Fall intakt.

Jusqu’ à la garde
Kinostart: TBA

Ein eher kleiner Film von Xavier Legrand, der aber eine maximale Wirkung hat. Zwei Ehepartner streiten nach der Scheidung um das Sorgerecht und die Frage, ob der offenbar übergriffige Vater seinen Sohn noch sehen darf oder nicht. Legrand erzählt in langen Einstellungen und ohne Schnickschnack, was dem Film eine lähmende Authentizität verleiht, die ihn nahezu unerträglich macht.

Darum sollte man den Film auf dem Radar behalten:
Das Familiendrama von Xavier Legrand ist ein erbarmungsloser Film, der zeigt wie leicht eine falsche Einschätzung eine Familie ins Elend stürzen kann. Nicht unverdient ist daher die Auszeichnung für die beste Regie bei den Filmfestspielen von Venedig vor einigen Wochen.

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