Owley am ZFF 2018: Ein ruckliger Start


Tag 1: Donnerstag, 27. September 2018

Zum bereits siebten Mal stürze ich mich dieses Jahr in den Trubel des Zurich Film Festival, und ich habe mir Einiges vorgenommen. Gleich 42 Filme sollen es heuer werden – ob ich mir am Ende auch wirklich alle ansehen werde, muss sich aber erst noch zeigen. Dieses Jahr bin ich vor dem Festivalbeginn ein bisschen nervöser als sonst, denn zum ersten Mal darf ich nicht nur im Publikum sitzen, sondern werde auch zwei Filme anmoderieren. Das ist für mich zwar nicht neu, aber jedes Festival hat bekanntlich seinen eigenen Vibe, und so bin ich vor diesem Debüt eben doch ein bisschen aufgeregt.

Doch zum Glück sitze ich am ersten Festivaltag nur im Publikum, und kann mich zudem gleich auf vier Filme freuen. Den Anfang macht die Pressevorführung von «Green Book» von Peter Farrelly (5/5), der am Abend auch gleich das Festival eröffnen wird. Der Hauptdarsteller, Viggo Mortensen wird dann über den Teppich laufen, einer von auffällig wenig grossen Namen in diesem Jahr. Vom anstehenden Rummel spürt man in der Pressevorführung aber noch herzlich wenig, statt Viggo sitzt neben mir nur mein guter alter Freund Cem, aber man nimmt nun mal was man kriegen kann.

«Green Book» spielt in den USA der 60er-Jahre und erzählt von einem schlitzohrigen Türsteher aus New York, der einen gefeierten schwarzen Jazzpianisten durch die Südstaaten chauffieren muss. Der Film ist ein klassischer Crowdpleaser, der eine hochaktuelle Thematik gekonnt als charmantes Buddymovie verpackt und nicht zuletzt nach seinem Toronto-Gewinn als veritabler Oscar-Kandidat gehandelt werden darf.

Bis zu meiner nächsten Vorstellung ist es noch ein bisschen hin, also gehe ich wie jedes Jahr am ersten ZFF-Tag ins Festivalzentrum und hole meinen Pass ab. Und jedes Jahr haben alle Journalisten zur gleichen Zeit die gleiche Idee, sodass das Festival, das jedes Jahr nur einen Ticketschalter öffnet, komplett überrannt wird. So stehe ich eine halbe Ewigkeit in der Schlange in diesem von der Herbstsonne zum Treibhaus verwandelten Glastempel, bevor mir mein Badge in die Hand gedrückt wird.

Mein akribischer 42-Filme-Plan bekommt einen ersten Dämpfer, als ich Film 3 und 4 des ersten Tages buchen möchte. Denn: Beide sind bereits komplett ausverkauft. Am meisten überrascht mich das bei «Der Himmel über Berlin» von Wim Wenders, der als Retrospektive gezeigt wird. Dass eine Retrospektive ausverkauft war, habe ich noch nie erlebt, doch es gibt für alles ein erstes Mal. Ich versuche, Tickets für andere Filme zu ergattern, doch auch daraus wird nichts.

So begebe ich mich entsprechend enttäuscht zu meiner zweiten Pressevorführung des Tages, die zugleich auch bereits mein letzter Film des Tages zu sein droht. Immerhin verspricht dieser Film gute Unterhaltung: «The Favourite» (4/5) ist der neueste Streich von Yorgos Lanthimos, dem griechischen Regisseur von «The Lobster» und «The Killing of a Sacred Deer». Der Film wurde in Venedig gefeiert und mit dem Grossen Jurypreis ausgezeichnet, doch meine Vorfreude hält sich in Grenzen: Rachel Weisz und Kostümfilm? Das ist eigentlich so überhaupt nicht meins.

Zum Glück werde ich dann doch sehr gut unterhalten. Mit zwei Stunden Laufzeit ist «The Favourite» etwas zu lang geraten und die eigentliche Story ist dann doch etwas gar plump – was den Film aber so herrlich macht, ist Lanthimos’ eigenwillige Inszenierung dieser eigentlich simplen Prämisse. Emma Stone spielt im Film eine Magd, die sich durch geschickte Intrigen in die Gunst der britischen Königin bringt – sehr zum Unmut des restlichen Hofs, allen voran ihrer von Rachel Weisz gespielten Nebenbuhlerin.

Nach dem Film gehe ich noch einmal zum Festivalzentrum zurück um zu schauen, ob nicht inzwischen doch noch ein Ticket für irgendeinen Film für mich rausspringt. Wenigstens für den dänischen Thriller «Den skyldige» von Gustav Möller hätte ich eigentlich sehr gerne ein Ticket, doch zuvor war dieser noch ausverkauft. Ich treffe vor dem Festivalzentrum unverhofft auf Sarah, die ich aus meiner Jugendzeit kenne und komplett aus den Augen verloren habe und die nun am Festival arbeitet.

Wir tauschen uns ein bisschen aus und merken, dass wir beide denselben Plan haben, nämlich doch noch einen Platz für den Film zu ergattern. Und tatsächlich: Beim zweiten Versuch klappt’s und nicht viel später sitzen wir im Film drin. «Den skyldige» (5/5) erzählt von einem Polizisten in der Notrufzentrale, der einen Anruf von einer entführten Frau erhält. Als der Anruf abbricht, ermittelt er auf eigene Faust. Gustav Möllers Regiedebüt ist ein stark besetztes und aufwühlendes Kammerspiel, das meinen ersten Festivaltag aller anfänglichen Tücken zum Trotz mehr als würdig abschliesst.

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