Owley am ZFF 2018: Vier Award-Filme… und High-Life

Tag 2: Freitag, 28. September 2018

Nach einem lockeren ersten Tag verspricht der zweite Tag mehr Action – gleich fünf Filme sollen es heute werden. Den Anfang macht «Girl» (5/5) von Lukas Dhont, den ich (wie alles, eigentlich) in Cannes verpasst habe und den ich jetzt zum Glück nachholen kann. Der Debütfilm erzählt von der sechzehnjährigen Lara (Victor Polster), die gerade mitten in ihrer Hormonbehandlung steckt – denn Lara wurde im Körper eines Jungen geboren. Lara geht es gut: Ihre Familie unterstützt sie wo sie nur kann, ihre Freunde stehen hinter ihr, und auch ihre Ausbildung an einer renommierten Ballettschule steht unter einem guten Stern. Doch Laras heile Welt beginnt allmählich zu bröckeln. Behutsam erzählt Dhont von Unsicherheiten und Zweifeln im Leben eines jungen Transmenschen und kann dabei auf einen brillianten Hauptdarsteller zählen. Victor Polster wurde in Cannes mit dem Un Certain Regard Award für die beste Darbietung ausgezeichnet – man beachte dabei den Verzicht auf das Geschlecht in der Bezeichnung des Preises.

Eine Serie von vier eindrücklichen Filmen zum Festivalstart, das muss ja irgendwie schiefgehen, denke ich mir, als ich vom Sihlcity zum Bellevue tingle, wo die nächste Pressevorführung ansteht. «High Life» (1/5) ist der Film, der mich wieder daran erinnert, wie schlecht Kino sein kann. Claire Denis schickt Robert Pattinson als Häftling ins Weltall, wo er an einem Forschungsprojekt teilnehmen soll. Klingt eigentlich vielversprechend, ist es aber leider überhaupt nicht. Sichtlich überforderte Darsteller (mitunter auch eine als sexgeile Weltraumärztin gecastete Juliette Binoche) und ein wirres Drehbuch, in das sich solche pornotauglichen Stilblüten wie «You’re a shaman of sperm» oder «Fill me! Fill me!» verirrt haben, machen diesen Film zu einer echten Herausforderung.

Weiter geht es ohne Pause, und auch für meinen dritten Film des Tages wechsle ich das Kino – diesmal sitze ich im Riffraff, wo «Shoplifters» (4/5) ansteht. Hirokazu Kore-edas charmante Komödie über eine Familie von Ladendieben und Schlitzohren wurde in Cannes mit der Palme d’Or ausgezeichnet, und das völlig verdient. Man kann dem japanischen Filmemacher höchstens vorwerfen, dass er seiner herrlich abgedrehten Prämisse nicht bis zum Schluss treu bleibt. Das etwas gar brave Ende ist zwar erzählerisch konsequent, aber mit ihm büsst der Film auch ein bisschen von seiner märchenhaften Art ein.

Auf dem Weg zu «The Miseducation of Cameron Post» (4/5) treffe ich auf Alan, der wie ich auch für Maximum Cinema am Festival unterwegs ist, und dem ich in den letzten Tagen auffallend häufig über den Weg laufe. Wir haben noch ein bisschen Zeit für einen Kaffee und um ein bisschen über das Festival zu schreiben – doch aus Letzterem wird nichts da beide unsere Rechner gleichzeitig den Geist aufgeben. Dann eben nur Kaffee, auch gut.

«The Miseducation of Cameron Post» ist ein aufwühlender Film, der von einem lesbischen Teenagermädchen erzählt, das von seiner strenggläubigen Pflegemutter in ein christliches Camp geschickt wird. Dem emotionalen Missbrauch dieser Jugendlichen durch selbsternannte Christen zuzusehen, ist nur schwer erträglich – aber es ist gerade das, was dieses Coming-of-Age-Drama zu einem der stärkeren Vertreter seines Genres macht. Zu Recht wurde der Film am Sundance Festival auch mit dem Grossen Jurypreis bedacht.

Auch bei meinem letzten Film des Tages handelt es sich um einen Festivalgewinner – doch in diesem Fall kann ich das weniger nachvollziehen. «The Sisters Brothers» (3/5) hatte ich ursprünglich nicht auf meinem Radar, denn irgendwie habe ich mit Western in den vergangenen Jahren am Zurich Film Festival keine so guten Erfahrungen gemacht. Doch die guten Kritiken in Venedig sowie eine Einladung einer Freundin liessen mich dem Film dann doch noch eine Chance geben. Das englischsprachige Regiedebüt von Jacques Audiard erzählt von zwei Brüdern (John C. Reilly und Joaquin Phoenix), die Jagd auf einen Flüchtigen machen. Auch wenn die Prämisse vertraut klingt, schlägt «The Sisters Brothers» den ein oder anderen erzählerischen Haken und spielt mit den Konventionen des Genres. Das und ein überragender Soundtrack von Alexandre Desplat reichen letztendlich aber nicht, um diesen irgendwie unschlüssigen Film über das Mittelmass herauszuheben. Und an einem Tag, an dem ich auch «Shoplifters» und «Girl» gesehen habe, ist Mittelmass nun einmal nicht gut genug.

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