Owley am ZFF 2018: Abgestumpft

Tag 7: Mittwoch, 3. Oktober 2018

Beinahe wäre es heute zu einem 6-Filme-Tag gekommen, doch letzten Endes habe ich mich zugunsten eines ein bisschen entspannteren Abends dagegen entschieden. Der Tag beginnt auch so genug früh, da ich diesmal von Luzern anreisen muss. Das lohnt sich nur bedingt, denn der erste Film des Tages, «Red Joan» (2/5) mit Judi Dench, ist ein ziemlicher Reinfall. Die britische Schauspielerin spielt in dem Film im Grunde die gleiche Rolle wie in «Philomena»: Auch Joan wird von ihrer Vergangenheit eingeholt, wird sie doch dafür angeklagt, während des Kalten Kriegs britische Geheimnisse an Russland weitergegeben zu haben. Auch eine solide (lies: nicht überragende) Darbietung von Judi Dench kann dieses seichte Drama, das seine Figuren selber nicht wirklich zu kennen scheint, retten.

Im direkten Anschluss steht «Kursk» (2/5) auf dem Programm, Thomas Vinterbergs Drama über den Untergang eines russischen U-Boots. Der Film wurde von Luc Bessons EuropaCorp produziert und entsprechend ist das Drama auch international besetzt, weshalb man sich darauf geeinigt hat, dass alle Russen im Film ein akzentbehaftetes Englisch reden. Das nagt an der Glaubwürdigkeit dieses auf wahren Tatsachen beruhenden Katastrophenfilms, der auch ansonsten nie wirklich in die Gänge kommt. Bis zum Schluss bleibt etwas zwischen uns und den Protagonisten und Vinterberg, der zuvor wiederholt bewiesen hat, dass er mit Figuren umzugehen weiss, tut sich mit diesem auf dem Papier stark besetzten Ensemble überraschend schwer. «Kursk» tut es seinem realen Vorbild gleich und ist eine Katastrophe.

Alle meine Filme heute laufen in Kinos, die in Gehdistanz zum Festivalzentrum liegen, was mir den Stress von Tram- und Zugfahren ersparen. So kann ich die Sonne ein bisschen geniessen, bevor mit «Monsters and Men» (4/5) mein nächstes Screening ansteht. Das Regiedebüt von Reinaldo Marcus Green erzählt vom Mord eines Polizisten an einem Schwarzen in New York, bzw. was diese Tat mit betroffenen Menschen macht. Mit seiner etwas holprigen Erzählweise ist «Monsters and Men» zwar kein perfekter Film, aber das charmant besetzte Drama besticht durch eine differenzierte Figurenzeichnung und authentische Inszenierung.

Auch der nächste Film stammt von einem Regiedebütanten, der aber alles andere als ein unbeschriebenes Blatt ist: Paul Dano. Bevor ich mich aber in sein Familiendrama «Wildlife» setze, schnappe ich mir noch einen Kaffee vom Vicafe-Stand beim Bellevue. Das ist eine meiner zwei ZFF-Traditionen: Die andere ist die Wurst vom Vorderen Sternen, die ich bereits am ersten Tag gegessen habe. Die Schlange vor dem Kaffee-Stand ist erwartungsgemäss ziemlich lang, ist ja schliesslich auch der beste Kafi der ganzen Stadt.

«Wildlife» (3/5) von Paul Dano ist ein interessantes Drama über eine Familie in den 60er-Jahren, deren heile Welt langsam auseinanderbricht. Der Film ist wunderschön gefilmt und überragend besetzt (Carey Mulligan, Jake Gyllenhaal, sowie der junge Ed Oxenbould), aber leider dann doch ein bisschen sehr schleppend erzählt. Was mir Dano mit «Wildlife» sagen wollte, weiss ich bis jetzt noch nicht so recht.

Mein letzter Film des Tages ist «Juliet, Naked» (3/5) von Jesse Peretz. Dabei handelt es sich ein bisschen um eine persönliche Angelegenheit, denn als grosser Nick Hornby-Fan mochte ich bislang alle seine Verfilmungen. Aus diesem Grund habe ich mir für den Film auch Tickets gekauft, um ihn sicher sehen zu können. Und ich habe es sogar geschafft, meine Freundin in ihre allererste ZFF-Vorstellung zu schleppen. Das Verdikt: «Juliet, Naked» ist okay. Die Geschichte über eine Frau, die sich ausgerechnet in den Lieblingsmusiker ihres Mannes verliebt war schon als Buch nicht mein Lieblingsstoff von Hornby, und auch die Verfilmung kann mich nicht vollends überzeugen. Der Charme eines «About a Boy» fehlt diesem Film, der mit Ethan Hawke, Rose Byrne und Chris O’Dowd gut besetzte Musikfilm ist nichtsdestotrotz eine kurzweilige Angelegenheit.

Immerhin: Der Film hat meiner Freundin deutlich besser gefallen als mir (4/5), und sie attestiert, dass ich nach 28 Filmen meine Sinne womöglich ohnehin abgestumpft habe und daher Filme nicht mehr richtig wahrnehmen könne. Vermutlich hat sie Recht.

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