Owley am ZFF 2017: Arthouse, Schlachthaus

Tag 2: Freitag, 29. September 2017

Mein zweiter Festivaltag beginnt, wie das eigentlich immer der Fall sein sollte im Leben: Erst am Nachmittag. Ich komme ein bisschen früher als ich sollte zum Festivalzentrum, um meine Tickets für den nächsten Tag abzuholen. Ausserdem möchte ich noch Tickets für «Le Grand Méchant Renard» kaufen, der am ZFF als Kindervorstellung gezeigt wird. Ich habe den Film am Fantoche gesehen und war begeistert. Ich konnte meine Freundin überzeugen, ihn sich mit mir anzusehen und will deshalb unbedingt ein Ticket ergattern.

Die Dame am Schalter staunt ein bisschen, als sie sieht, was ich mir ansehen möchte. «Das ist aber ein Kinderfilm!», erklärt sie fast schon vorwurfsvoll. Sie mustert mich ein wenig und ich sehe förmlich vor mir, wie sie in ihrem Kopf die verschiedenen Szenarien durchspielt, weshalb ich mir ausgerechnet diesen Film ansehen will. «Genau, das ist ein Animationsfilm», korrigiere ich sie, wie ich es auch an der Kinokasse bisweilen getan habe. Man muss eben auch die kleinen Schlachten ausfechten. Als ich frage, ob es Reduktion für Studenten gibt, wirft sie einen Blick in den Rechner und verneint dann ein bisschen überrascht. Sie liefert dann aber gleich selber die Erklärung: «Das ist eben ein Kinderfilm, wissen Sie. Die rechnen da nicht mit Studenten.» Ich spüre erneut den Vorwurf. Letzten Endes erübrigt sich das Ganze aber für mich – aber aus ganz einem anderen Grund. Der Film wird wie angegeben zwar in seiner originalen Sprache gezeigt, gleichzeitig jedoch noch live auf deutsch synchronisiert. Irgendwie verständlich bei einem Film, den das Festival selber in die «Kinderfilm»-Schublade steckt.

Ein bisschen ernüchtert trotte ich also in meine einzige Pressevorführung des Tages. Ich treffe auf Yannick und Sven von Outnow, die mir von diversen Filmen, die sie bereits gesehen haben abraten, darunter irgendein ungarischer Film über Schlachthäuser. «Arthouse und Schlachthaus ist für mich ein bisschen dasselbe», bringt es Sven auf den Punkt, und dazu kann man dann auch gar nichts mehr sagen. Auf dem Programm steht «You Were Never Really Here» (5/5) von Lynne Ramsay, der für mich den ersten grossen Wow-Moment des Festivals markiert. «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» war bereits grossartig, aber dort hatte ich es auch ein wenig erwartet. An «You Were Never Really Here» hingegen hatte ich keine Erwartungen. Der Film mit Joaquin Phoenix als traumatisiertem Kriegsveteranen, der Kinder aus den Fängen von Pädophilen rettet, ist eine Wucht. Sicher, die Parallelen zu «Taxi Driver» sind da, doch der Thriller kann mit der nüchternen Umsetzung seiner krassen Thematik überzeugen.

Ich gehe wieder zum Festivalgelände zurück um ein bisschen zu schreiben, doch daraus wird nichts, als ich auf eine alte Arbeitskollegin treffe. Wir trinken einen Kaffee und verlieren uns in einem viel zu kurzen Gespräch über all die Dinge, mit denen wir uns an einem Festival irgendwie eben gerade nicht rumschlagen wollten. Das ZFF ist jedes Jahr auch ein bisschen ein Heimkommen – ein grosses, langes und viel zu pompöses Familienfest. Ich bin mit meinem Bruder zum Abendessen und für «Downsizing» (4/5) verabredet. Der neue Alexander Payne ist ein bisschen wie das Essen, das uns an diesem Abend im Vapiano aufgetischt wird – zubereitet ist es auf jeden Fall gut, und es macht satt. Aber lange werde ich mich nicht dran erinnern, das steht fest. Von Payne ist man eindeutig Besseres gewohnt, auch wenn die Geschichte über Überbevölkerung der Welt und den Lösungsansatz durch Verkleinerung der Menschen interessante Ideen liefert. Aber eben: Aus diesen Zutaten (unter anderem einem mal wieder überzeugenden Christoph Waltz) hätte man sicher etwas Denkwürdigeres zubereiten können.

Wegen einer Verzögerung verpasse ich den Anfang des nächsten Films, «Bam-ui Haebyeon-eoseo Honja» (On the Beach at Night Alone) (2/5). Ich merke rasch, dass ich am Besten gleich den ganzen Film verpasst hätte – das koreanische Drama über eine aufstrebende Schauspielerin, die nach einer Affäre mit einem Regisseur erst einmal untertauchen und zu sich selber finden muss, ist etwas gar ungelenk erzählt und bleibt viel zu lang viel zu oberflächlich. Für mich der erste richtige Tiefflieger des Festivals. Um mich wieder in Stimmung zu bringen, schaue ich mir zum Schluss in der Nachtvorstellung noch «Mars, Attacks!» (5/5) an, der am ZFF als Teil der Retrospektive über Glenn Close gezeigt wird (verstehe ich auch nicht so wirklich). Ich habe dieses Jahr viele Reprisen in meinem Programm, aber nur diesen habe ich bereits gesehen. Was mir bei dieser x-ten Sichtung auffällt ist, dass in diesem Film sowohl der Trump-Verschnitt als auch der US-Präsident vom gleichen Schauspieler verkörpert werden. Tim Burton, der grosse Hellseher.

Owley am ZFF 2017: Im Glashaus

Tag 1: Donnerstag, 28. September 2017

Heute geht also die dreizehnte Ausgabe des Zurich Film Festival los, für mich persönlich wird es bereits die sechste Runde sein. Und diesmal, so habe ich es mir vorgenommen, will ich mir auch nichts entgehen lassen. Die Organisatoren haben die Zahl der Pressevorführungen noch einmal massiv aufgestockt, was es für uns Medienschaffende einfacher macht, die Filme anzusehen.

Der Vorteil von Pressevorführungen ist, dass man einen Platz im Kino auf sicher hat. Will man die Filme hingegen regulär schauen, so muss man sich jeweils am Vortag um eines der begrenzten Pressetickets bemühen. Und seit einigen Jahren gibt es für die Galapremieren, also die Vorstellungen der «grossen Filme» kein Pressekontingent mehr. Am Anfang hiess das vielmals, dass man sich ein Ticket kaufen musste, oder den Film eben nicht schauen konnte. Doch diesbezüglich kann man dem Festival für seine dreizehnte Ausgabe wirklich keinen Vorwurf mehr machen – kaum ein Film am ZFF hat heuer keine Pressevorführung bekommen.

Mein Zurich Film Festival 2017 beginnt gleich mit drei solcher Pressevorführungen. Der erste davon ist der Eröffnungsfilm des Festivals: «Borg/McEnroe» (3/5) von Janus Metz. Ein Sportbiopic, dem man keine grossen Vorwürfe machen kann, das aber auch nicht lange in Erinnerung bleiben dürfte. Zu belanglos ist die Thematik (Tennis), zu konventionell die Bilder, zu durchschnittlich das Spiel von Sverrir Gudnason und Shia LaBeouf. Kein schlechter Film, aber das Festival kann nur noch besser werden. Und das wird es dann auch: Mit «The Glass Castle» (4/5) folgt weniger leicht verdauliche Kost. Der Zweistünder von Destin Daniel Cretton erzählt die Geschichte einer Familie in den Südstaaten inmitten von Luftschlössern und Alkoholismus. Woody Harrelson ist in der Rolle des trinksüchtigen Familienoberhaupts erwartungsgemäss in seinem Element, sein nuanciertes Spiel zwischen Schmerz und Verletzlichkeit ist berührend. Für mich eine erste positive Überraschung.

Aus dem Glass Castle pilgere ich ins Glasshouse, um meine Akkreditierung abzuholen. Das Festivalzentrum mit seinen gläsernen Fronten mag schön anzuschauen sein – wer hinter diesen grossen Fensterscheiben einmal eine halbe Stunde für seinen Pass angestanden hat und entsprechend gebrutzelt wurde, findet man es nur noch halb so toll. Eigentlich ist eine halbe Stunde anstehen für einen Pass auch ein Witz, aber wir sind ja schliesslich am Zurich Film Festival und offenbar ist um 12 Uhr, als das Pressedesk seine Türen öffnete gleich einmal der Server abgestürzt. Vor und hinter mir empören sich Menschen über das unorganisierte Pressedesk, ich habe es mittlerweile aufgegeben, mich drüber zu ärgern.

Mein Plan ist es, ein Ticket für «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» am Abend zu ergattern. Würde ich diesen nämlich in seiner regulären Vorstellung sehen, könnte ich auf die Pressevorführung am Nachmittag verzichten und stattdessen «Euphoria» mit Alicia Vikander schauen, der gleichzeitig läuft. Doch das Pressekontingent ist erschöpft, und die Vorstellung ausverkauft. Da ich nicht wirklich eine Ahnung habe, worum es im Vikander-Film geht, mich hingegen seit Monaten auf «Billboards» freue, ist schnell entschieden, welchen der beiden ich sausen lasse. Immerhin eine gute Sache hat mein Besuch am Pressedesk: Die jährliche Schachtel Pralinen hat auch dieses Jahr wieder den Weg zu mir gefunden.

«Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» (4/5) ist bissig geschrieben, wie man es sich von Martin McDonagh gewohnt ist. Der Ire erzählt mit seinem dritten Film die Geschichte eines unaufgklärten Vergewaltigungsmordes, den die Mutter des Opfers wieder neu aufrollt. Der Regisseur von «In Bruges» ist bekannt dafür, dass er Ernst und Humor gut balancieren kann, in diesem Film gelingt ihm das in Anbetracht der schweren Thematik aber besonders gut. Mit Frances McDormand, Woody Harrelson und Sam Rockwell ist der Film zudem grossartig besetzt. Nicht ohne Grund wird der Film bereits als Kandidat für die Oscar-Season gehandelt.

Es ist fengs sechs Uhr als ich das Kino verlasse und den Tag für beendet erkläre. An anderen ZFF-Tagen würde es um diese Zeit erst richtig losgehen, aber das Programm des weiteren Abends überzeugt mich nicht so sehr, als dass ich jetzt noch unbedingt bleiben möchte. Ich begebe mich nach Hause und freue mich auf einen heissen Abend mit meiner Pralinenschachtel.

Update: September 2017

Der September wird (zumindest für mich) ziemlich hektisch. Ich habe mir darum für einen kurzen Augenblick überlegt, einen Newsletter einzurichten, um diejenigen die wollen, auf dem Laufenden zu halten. Dann habe ich aber beschlossen, dass das auch ein bisschen doof ist, vorallem wenn man mit dem Blog eigentlich schon ein optimales Tool dafür hat.

(Falls dennoch das Bedürfnis nach einem Newsletter besteht darf man das an dieser Stelle natürlich gerne äussern.)

Festivals

Heute startet in Baden das Animationsfestival Fantoche, das bis am 10. September läuft. Wie immer wird das auch dieses Mal eine tolle Sache, nicht zuletzt, weil ich enger involviert bin als je zuvor. Meine Filme laufen zwar leider nicht im offiziellen Programm, und ich bin auch überhaupt nicht böse oder traurig oder verletzt oder desillusioniert oder so deswegen. Wer Mitleid mit mir hat: Im Festivalshop gibt’s Postkarten und Bücher von mir.

Dieses Jahr moderiere ich einige Filme und Wettbewerbe an und leite am Industry Day am Freitag zwei Talks über Animation & Games und Schulsysteme, was sicher sehr spannend sein wird. Das Fantoche ist zudem auch mein erster Gig für Maximum Cinema, wo ich künftig Co-Autor sein werde und über das Festival berichten werde. Mein erster Beitrag ging vor ein paar Tagen online. Was das für Owley.ch als Filmblog bedeutet, weiss ich noch nicht genau, im Moment lasse ich das noch offen, ich habe aber einige Ideen im Hinterkopf.

Am diesjährigen Zurich Film Festival (28. September – 8. Oktober) werde ich übrigens auch vor Ort sein und über die Filme schreiben. Bisher ist das Programm noch ein bisschen mager, einzig der Eröffnungsfilm «Borg vs McEnroe» reizt mich, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass da noch mehr kommt.

Meine Filme in Luzern

Mein Abschlussfilm «Foglä» ist schon länger flügge – seine Premiere wird er am 13. September anlässlich des Luzerner Kurzfilmabends im Poolkino im Neubad Luzern feiern. Ich könnte nicht glücklicher sein, dass er ausgerechnet im coolsten Kino von Luzern zum ersten Mal seine Beinchen Flügel spreizen wird, und dann erst noch in Gesellschaft von grossartigen Filmschaffenden wie Sara Stäuble und Matteo Gariglio. 

Ebenfalls nach Luzern kommt mein anderer Film, «Machen Sie sich Notizen wenn Sie wollen». Der Experimentalfilm läuft nach mehreren Screenings in Nordamerika zum ersten Mal in der Schweiz. Am 22. und 23. September ist der Film im Wettbewerb des kleinen aber feinen Upcoming Filmmakers im Bourbaki. Der Film läuft dort im Filmblock 2.

In der Zwischenzeit habe ich die ersten Arbeit an einem neuen Filmprojekt aufgenommen – mehr dazu zu einem späteren Zeitpunkt…

Picture my Day Day #23

Traditionen muss man pflegen, und so auch diese: Einen bestimmten Tag im Jahr fotografisch festhalten, egal wie öde oder spektakulär es zu- und hergeht. Ausgerufen dazu hat diesmal Nils und ich bin dem Ruf ehrenhaft gefolgt, zum persönlichen sechzehnten Mal. Diesmal war es nicht wirklich spektakulär, ausser Aufräumen, Kuchen backen und einem Konzert am Abend.

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2017 bringt Foglä & Roar

Kleines Update: In wenigen Stunden schliesse ich mit meinem kunterbunten Vögelabenteuer Foglä mein Bachelorstudium an der Hochschule Luzern ab. Der Film hat mir viel abverlangt – ich sitze seit rund einem Jahr an dieser Idee (und habe die Arbeit dazu auch auf meinem Production Blog dokumentiert) und habe mein Privatleben zum Schluss schon ein bisschen vernachlässigt. Nun gilt es, sich zurückzulehnen und zu schauen, wie sich der Film in der grossen weiten Welt schlägt.

An einem Wochenende im November ist mit Roar zudem noch ein zweiter kurzer Film entstanden. Quasi die jugendfreie Alternative zu Foglä, erzählt dieser Film vom Streit zweier furchteinflössender Dinos. Den Film habe ich zusammen mit Ramón Arango gemacht und ich hoffe, ihr habt ebensoviel Spass wie wir bei der Arbeit.

Picture my Day Day #22

Auch wenn es hier in den letzten Monaten ziemlich ruhig wurde, lasse ich es mir natürlich nicht nehmen, am Picture my Day Day teilzunehmen und einen Tag lang alles, was ich mache, fotografisch festzuhalten. Das Datum für die 22. Ausgabe ausgesucht hat heuer Guddy, und dass es genau Ostern trifft, ist natürlich kein Zufall. Bei mir ging es an diesem Sonntag aber überhaupt nicht ostermässig zu und her – dafür hat mich mein Abschlussfilm zu fest in der Hand. Anstelle von Ostereiern gibt es Fotos vom Ausgang, Schnappschüsse meines Arbeitsplatzes und erstaunlich viel Bus- und Zugfahrt.

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Winterthur ist Cupsieger

Am Samstag traten die Basketballerinnen des BC Winterthur zum Schweizer Cupfinal an – den sie mit 61:59 gegen das favorisierte Fribourg für sich entschieden. Herzliche Gratulation an das ganze Team – und speziell auch an meinen Buddy Roger, der die A-Teams des BCW als Athletic Coach betreut. Umso mehr fühle ich mich natürlich geehrt, diese Mannschaft zu meinen Clients zu zählen

Disney und sein „gayest film ever“

„Einen entscheidenden Augenblick für Disney“ nannte Matt Cain, Herausgeber des Gay-Magazins Attitude die Entscheidung des Studios, der von Josh Gad verkörperten Nebenfigur LeFou in der Realverfilmung von Beauty and the Beast einen schwulen Subplot zu verleihen. Tatsächlich rieb man sich in Filmkreisen die Augen, als man las, dass sich ausgerechnet der erzkonservative Mickey-Mouse-Konzern plötzlich offen für Homosexualität oder generell LGBT-Themen ausspricht.

Der letztjährige Zootopia ist zwar ein klares Statement für Diversität – aber in erster Linie in Bezug auf die Rassenthematik, Fragen zu LGBT-Themen lässt der Film aussen vor. Wenn es um diese Themen geht, dann tat sich Disney schon immer eher schwer. Immerhin: Erste Andeutungen in diese Richtung gab es schon in Frozen. Wer wollte, konnte in Elsas Angst, zu ihren Kräften zu stehen, eine entsprechende Metapher für ein Coming Out erahnen – aber eben nur erahnen. Ein klares Statement in dieser Frage war von dem Studio, dessen Chefs die Trump-Präsidentschaft für eine gute Sache halten, auch gar nicht zu erwarten. Schön also, dass uns Disney mit seiner Offenheit und Toleranz überrascht und Mut zeigt, oder?

Leider nicht.

Meiner Meinung nach ist dieser LeFou-Moment sogar das komplette Gegenteil dessen, was Disney behauptet, damit erreichen zu wollen.

Bill Condon, der Regisseur des Remakes erzählt im grossen Attitude-Artikel, dass LeFou „verwirrt ist darüber, was er möchte“. Das klingt noch nicht sehr konkret – im gleichen Ton geht es weiter. Condon beschreibt den kleinen, dicken Sidekick als “jemand, der erkennt, dass er gewisse Gefühle hat.“ Der Schlüsselmoment für LeFou in Beauty and the Beast, die für den Regisseur alles klar macht, ist eine Szene am Schluss, in der er mit einem anderen Mann tanzt und ihm einen eindringlichen Blick zuwirft. Als „schönen, exklusiv schwulen Moment“ bezeichnet der Regisseur diese Szene – und genau da liegt mein Problem mit dieser Rhetorik: Ein eindringlicher Blick macht noch keine Homosexualität, genauso wie man vom Küssen nicht schwanger werden kann.

Wenn Disney möchte, dass es in ihrem Film einen homosexuellen Charakter hat, dann sollen sie ihn gefälligst auch so inszenieren. Wenn ich erst durch den erweiterten Kontext (also in diesem Fall durch einen Beitrag in einem Magazin) erfahre, dass LeFou schwul ist, dann ist das bestenfalls Fanfiction. As far as I’m concerned, gibt es keinen Grund für mich zu glauben, dass LeFou homosexuell ist – genausowenig wie ich im Film das Gefühl bekomme, dass der Grundschullehrer oder der Bäcker schwul sein könnten.

„Aber Owley, warum wehrst du dich dagegen?“
„Dann ist es eben subtil, tut doch keinem weh!“
„Lieber ein angedeuteter Moment, als gar keiner!“

Natürlich finde ich jeden Schritt in die richtige Richtung begrüssenswert. Und ich bin auch nicht extrem überrascht, dass Disney noch keine grossen Schritte wagt. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass dieser LeFou-Moment aus den falschen Beweggründen geschah – und damit die gesamte LGBT-Bewegung verhöhnt.

Oder anders formuliert: Was passiert, wenn sich ein Familienkonzern wie Disney offen für Homosexualität ausspricht? Richtig, in konservativen Kreisen folgt ein massiver Shitstorm. So auch geschehen: Gewisse Kinos beschlossen, den Film nicht zu zeigen. In Russland wurde Beauty and the Beast sogar erst ab 16 freigegeben. Wäre das passiert, wenn Bill Condon nicht bewusst auf diesen „Moment“ hingewiesen hätte? Wohl kaum.

Es ist nicht so, als ob Bill Condon zufälligerweise in einem kleinen Interview nebenbei erzählt hätte, dass LeFou vielleicht schwul sein könnte. Nein, dieses „Coming Out“ geschah in einem Gay-Magazin. Das Beauty and the Beast – und speziell die Homosexualität von LeFou – zur Coverstory hatte. Und das den Film mit „Disney’s gayest film ever“ anpries. Deutlicher geht’s nicht. Das ist pures Marketing, ein bewusster Schachzug, der garantiert Reaktionen folgen lässt. Ganz nach dem Motto „any press is good press“. Dafür verleiht man mal eben, ohne grossen erzählerischen Aufwand – und auch ohne vor den konservativen Anlegern das Gesicht zu verlieren, weil es ja nichts Eindeutiges ist – einer Nebenfigur eine angebliche sexuelle Orientierung, und fertig ist der Skandal. Hässlicher geht’s kaum.

Disney in diesem Kontext also als mutig oder progressiv darzustellen, ist blanker Hohn. Wenn überhaupt, dann ist dieser Missbrauch ernstgemeinter Anliegen und die Verhöhnung des Rufs nach mehr sexueller Diversität in Blockbustern ein Rückschritt. Und ein Zeichen, wie weit das Studio noch davon entfernt ist, solche wichtigen Themen respektvoll und würdig umzusetzen.

Sollte es Disney irgendwann gelingen, seine alten und verstaubten Wertvorstellungen abzuschütteln, so wird bestimmt nicht Beauty and the Beast der Film sein, der diese Wende eingeläutet hat.

FOGLÄ Produktionsblog

In den letzten Monaten habe ich ja immer wieder von meinem Abschlussfilm erzählt, inzwischen ist bereits die eigentliche Produktionsphase meines dreiminütigen Animationskurzfilms FOGLÄ angelaufen. Dazu habe ich einen Produktionsblog eingerichtet, auf dem ich in den nächsten Monaten laufend über die Arbeit am Film berichten werde. Viel Spass beim Lesen 🙂

Geschichte einer missverstandenen Karte.

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Mein Grosspapi war Grafiker und Illustrator und ist für mich bis heute eine der wichtigsten Inspirationen in meinem Schaffen. Bis zu seinem Tod pflegte er die Tradition einer selbstgestalteten Weihnachtskarte, die in seinem breiten Baseldytsch immer irgendein Geschehen des zu Ende gehenden Jahres aufgriff. Im letzten Jahr vor seinem Tod kam er zu mir und bat mich, mit ihm zusammen die Karte zu gestalten. Ich wusste da nicht wirklich, warum ausgerechnet ich ihm in seine Zeichnung pfuschen sollte, doch um seine Sehkraft stand es so schlecht, dass er die Karte nicht alleine fertigstellen konnte. Also setzte ich seine Idee um. Nach seinem Tod beschlossen wir in der Familie, dass ich die Tradition weiterführen sollte, was mir zu Beginn enorme Schwierigkeiten bereitete, schliesslich wollte ich ihm gerecht werden, aber auch mich selber sein können.

Dieses Jahr stand meine dritte eigene Weihnachtskarte an, die ich bereits im Sommer ausarbeitete, da ich schon dann ahnte, dass 2016 von einem Thema geprägt werden würde, um das ich wohl kaum herumkommen würde: Dem orangen Wüterich. Ich hatte die Idee eines Weihnachtsmannes, der mit seinem Esel eigentlich gerne in den USA Geschenke verteilen möchte, aber jetzt leider vor einer Mauer ansteht. Simpel, on point und zeitgemäss. Was konnte da schon schiefgehen? Entsprechend stolz wartete ich also Mitte Dezember auf die Reaktionen auf meine Karte, die meine Familie und ich immerhin dutzendfach verschickten. Doch die Reaktionen blieben aus. Erst als wir nach den Festtagen die ein oder andere Person darauf ansprachen, erfuhren wir, dass nicht Undankbarkeit der Grund für die ausbleibenden Reaktionen waren – sondern Verwirrung.

Mir war etwas passiert, was für einen Karikaturisten der Super-GAU ist: Im Versuch, das Bild so stark herunterzubrechen wie möglich und es auf das Minimum zu reduzieren, habe ich den Bogen überspannt. Die Illustration war nicht mehr lesbar, der Witz dadurch verloren. Das entscheidende Element dürften vermutlich die drei Buchstaben an der Mauer gewesen sein. Ich mag es ja, wenn ein Logo oder Textelement nur angeschnitten gezeigt wird, und es nach einem nebensächlichen Element aussieht, das aber eigentlich ganz entscheidend ist. Dazu muss es aber noch genug erkennbar sein, um unmissverständlich zu sein. Und genau da hatte ich versagt. Die Buchstaben, die eigentlich den Anfang des Namens TRUMP bilden sollten, ergaben durch den unglücklichen Anschnitt das neue Wort TRI – wer ohnehin schon verwirrt war, wurde dadurch nur noch zusätzlich verwirrt.

Anstatt mich jetzt über die nicht ganz gelungene Karte aufzuregen, will ich die lieber herausfinden, was schief lief, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Dabei habe ich zwei Dinge gelernt: Jedes Element des Bildes muss 100% unmissverständlich sein, so reduziert es auch sein mag. Nur noch ein Buchstaben mehr hätte vermutlich gereicht. Eine weniger perspektivische und deutlicher als solche erkennbare Mauer. Das Zweite, was ich unterschätzt habe, ist das Testen. Gerade bei Karikaturen bietet es sich an, diese an Publikum zu testen. Wenn ich unsicher bin, teste ich eine Idee, indem ich sie einer fremden Person vorlege, die nicht in den Prozess involviert war. Die Reaktion ist immer ehrlich und unverfälscht. Hier habe ich das nicht getan, sondern nur mit Leuten besprochen, die bereits die ursprüngliche Idee kannten.

Trotz allem bin ich mit meiner Karte zufrieden. Die Illustration gefällt mir und auch die ursprüngliche Idee finde ich noch immer witzig. Und so hoffe ich, dass sie – Verwirrung hin oder her – auch manchem Emfpänger Freude bereitet hat.

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