Joe (2013)

Joe ZFF2013c

„If you go to Joe, keep it real to Joe.“

Er hatte es geschafft. Nach Jahren auf der Strasse, geprägt von Drogen und Alkohol, hatte Gary Poulter tatsächlich einen Job als Schauspieler bekommen. Und nicht irgendeinen – David Gordon Green besetzte eine der Hauptrollen seines Films Joe mit dem 53-jährigen Obdachlosen. Poulter war entschlossen, seinem Leben auf der Strasse endlich den Rücken zu kehren und spielte sich die Seele vom Leib. Er konnte sogar an einem Casting zu einem anderen Film teilnehmen. Das Leben schien Poulter endlich eine zweite Chance gegeben zu haben. Doch am 19. Februar 2013, zwei Monate nach Abschluss der Dreharbeiten, wurde Poulter mit überdurchschnittlich viel Alkohol im Blut tot in einem Teich aufgefunden – seine Sucht hatte ihn wohl wieder eingeholt und ihn schliesslich nicht nur das Leben, sondern auch eine Zukunft gekostet, die er sich schon seit jungen Jahren sehnlich gewünscht hatte.

Gary hat nicht wirklich das grosse Los gezogen im Leben: Sein Vater ist ein Alkoholiker, der seine Familie im Stich lässt, schlägt und ausnutzt. Als Gary auf den Waldarbeiter und Ex-Knasti Joe trifft, bietet ihm dieser einen Job und damit eine Möglichkeit, mehr aus seinem Leben zu machen und für seine Schwester und seine Mutter aufzukommen. Doch sein Vater fällt ihm in den Rücken, wo er nur kann, und sorgt dabei auch dafür, dass Joes Leben über den Haufen geworfen wird, und ihn seine Vergangenheit allmählich wieder einholt…

Nicht nur Gary Poulter entfesselt in diesem Film eine schauspielerische Tour de Force, auch die restlichen Darsteller gefallen. Nicolas Cage ist erstaunlicherweise sehr gut in seiner Rolle als wortkarge Vaterfigur für Gary – vielleicht liegt genau in diesem reduzierten Spiel die Stärke, die uns diese tolle Cage-Performance liefert, auf die wir viel zu lange warten mussten. Auch Tye Sheridan ist definitiv ein Name, von dem wir in Zukunft noch einiges hören dürften, der junge Hauptdarsteller ist in Joe in seiner erst dritten Rolle zu sehen und meistert diese mit Bravour. Die übrigen, meist nicht wirklich grossen Rollen sind mit Laiendarstellern wie Poulter ergänzt, die Regisseur David Gordon Green aus der Gegend zusammengetrommelt hat – und das ist der Authenzität des Films sehr dienlich.

So ergibt sich eine einheitliche, unangenehme Grundstimmung, die Gordon Green konsequent durchzieht. Es gibt kein grossartiges, heroisches Ende, sondern eines, das zu dieser unwirtlichen, leicht melancholischen Atmosphäre und der untersättigten Farbpalette passt. Auch das Script wartet mit wenig Dialogen auf, es ist fast, als wollte Gordon Green jedes Element von Joe nutzen, um diese beunruhigende, dreckige Stimmung zu unterstreichen – sogar der Score besteht aus reduzierten Klängen. Das ist eine sehr coole Handhabung, nur schade, dass man das offenbar auch beim Make-Up so hielt. Nicolas Cages aufgeklebter Bart wirkt leider alles andere als glaubwürdig und ist für mich, wenn ich eine Sache nennen müsste, der Kritikpunkt an Joe.

Bad Boy Joe.
Bad Boy Joe.

Nach Abstechern ins Comedy-Genre mit Pineapple Express und Your Highness, widmet sich David Gordon Green mit Joe wieder einem Indie-Projekt. Sein Südstaatendrama über familiäre Missstände und Freundschaften ist kein schöner Film, aber einer, der einen nicht loslässt.

9,5 Sterne

  • donpozuelo

    Wow, endlich mal wieder ein guter Nic Cage-Film??? Ich bin beeindruckt 😉

    AntwortenAntworten
  • donpozuelo

    @Owley: Ein Nic Cage, der sich nicht dem Over-Acting hingibt, wäre auch kein richtiger Nic Cage. Das muss man halt einfach wissen 😉

    AntwortenAntworten

Kommentar schreiben