Kinostatistik 2018

Sehr, sehr böse Zungen behaupten, dass die jährliche Kinostatistik mittlerweile der einzige Grund ist für mich, überhaupt noch ins Kino zu gehen. Das ist natürlich grober Unfug, aber nichtsdestotrotz ist es mir Jahr für Jahr aufs Neue ein Vergnügen, meine Kinobesuche auszuwerten und in einer grossen Rückschau abzuhandeln – diesmal sogar mit schicken Fussnoten. Wer das für ebenso interessant hält wie ich, ist herzlich eingeladen, sich das durchzulesen, allen anderen sei gesagt, dass ihnen lediglich einer der längsten Beiträge meines Blogs entgeht. Nochmal Glück gehabt. 😉

Die vergangenen Ausgaben findet ihr alle hier: 201720162015

Anzahl Kinobesuche

Beginnen wir mit etwas Erfreulichem: Der Rückgang an Kinobesuchen in den Vorjahren konnte zumindest ein wenig gestoppt werden und mit 138 Kinoeintritten verzeichne ich 2018 den zweithöchsten Wert aller Zeiten – nur 2013 sass ich öfters im Kino. 138 Tickets, das sind 20 mehr als im eher lausigen Vorjahr. Das entspricht einem Kinobesuch fast jeden dritten Tag (genauer jeden 2.64-ten Tag). Den Durchschnittswert von 108.333 Eintritten habe ich damit seit 2012 jedes Jahr überboten.

Dass ich diesen Wert ausgerechnet in jenem Jahr verzeichne, in dem ich mit meiner neuen Lebenssituation und dem Schritt in die Selbständigkeit eher wenig Zeit für Kino und Popcorn haben dürfte, erstaunt eigentlich nur auf den ersten Blick. Denn mitgerechnet sind bei diesen 138 Kinotickets auch jene von Filmfestivals, von denen ich 2018 auf Festivaltour nicht weniger als sechs besucht habe.1

An Filmfestivals ist es generell einfacher, in kurzer Zeit viele Filme (oder Kurzfilmblöcke, dazu später mehr) zu schauen, weshalb man annehmen könnte, dass meine erhöhte Festivalpräsenz in diesem Jahr auch einen Einfluss auf die Zahlen haben dürfte. Tatsächlich kamen durch die sechs Festivals 2018 insgesamt 33 Tickets dazu. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es nur 15 Festivalkarten von zwei Festivals, die miteingerechnet wurden. Aber: Selbst wenn man diese Filmfestivaltickets der letzten beiden Jahre nicht mitzählen würde, wäre das aktuelle Jahr (105 statt 138 Tickets) noch immer erfolgreicher als 2017 (103 statt 118 Tickets).

Was hingegen nicht zu unterschätzen sein dürfte, sind die Kurzfilmblöcke, die generell weniger lang dauern als Spielfilme und von denen dann entsprechend auch mehr in einen Tag passen. So passiert etwa am Fantoche, als ich an einem Tag drei Filmblöcke, sowie zwei Langfilme geschaut habe. Man darf sich aber keine Illusionen machen: Auch wenn Kurzfilmblöcke generell kürzer dauern als Langfilme, so sind es doch viel mehr und vorallem verschiedene Eindrücke, die zu verarbeiten sind – und entsprechend würde ich einen Kurzfilmblock was Abnützung des Zuschauers angeht gleich gewichten wie einen Langfilm.

Monatsvergleich

Schaut man sich das Monat für Monat an, so fallen einmal mehr die Herbstmonate auf, an denen ich fast die Hälfte der Filme 2018 gesehen habe. Insgesamt 64 Kinobesuche gab es in den beiden Spitzenmonaten September und Oktober zusammen – das Fantoche und das Zurich Film Festival luden zusammen mit einigen anderen Festivals zu filmischer Völlerei im grauen Herbst – ein Angebot, das ich natürlich nicht ausschlug. Beide Monate bieten übrigens Spitzenwerte: Der September egalisiert den Monatsrekord von 2016, während die 31 Kinobesuche für den besten Oktober überhaupt sorgen.

Betrachtet man die Monatsübersicht im Vergleich zum Mittelwert der letzten vier Jahre (2015-2018, graue Linie), so ergeben sich nur wenige Abweichungen zum Durchschnitt. Der heisse Sommer hielt mich vom Kino fern, weshalb ein ohnehin schon schwacher Juni-Schnitt in diesem Jahr zwar noch zusätzlich unterboten wurde. Und auch der Juli war deutlich schwächer als der Mittelwert. Das wird im Gegenzug durch einen starken März und einen bombastischen Oktober locker ausgeglichen. Schön finde ich zudem, dass ich den Negativakzent im November (den ich der Übersättigung nach den vielen September-Oktober-Filmen zuschreibe) in diesem Jahr ein bisschen auffangen konnte.

Nummer 1000Seit 2010 bewahre ich meine Kinotickets auf. Mit allen Tickets zusammen stehe ich im Augenblick bei 975 Stück. Im letzten Jahr liess ich mich deshalb dazu verleiten, den Zeitpunkt meines 1000. Kinobesuchs zu prognostizieren.2

Ausgehend vom Wert von 2017 kam ich so zum Schluss, dass mein 1000. Kinobesuch am 5. Mai 2019 stattfinden würde. Da ich in diesem Jahr aber öfter im Kino war als im Vorjahr, muss ich entsprechend auch meine Prognose anpassen. Wenn ich 2019 gleich oft ins Kino gehe wie in diesem Jahr, löse ich also meine 1000. Kinokarte bereits am 8. März 2019. Ein Blick in den Kinokalender verrät, dass dann «Captain Marvel» anläuft, was besonders passend ist, da ich mit der letztjährigen Prognose noch auf den vierten «Avengers»-Film gesetzt hätte. Nun würde es halt einen Marvel-Film früher klappen.

Und weil wir schon dabei sind, hier noch ein paar angepeilte Jubiläen:

1200. Kinobesuch am 17. August 2020 (da sind momentan nur einige namenlose Studio-Blockbuster geplant)
1500. Kinobesuch am 18. Oktober 2022 (mit einer noch namenlosen Disney-Realverfilmung3?)
2000. Kinobesuch am 30. Mai 2026

Weiter mag ich ehrlich gesagt gar nicht denken, denn allein schon bei der Vorstellung, dass ich in den nächsten 7 Jahren noch 1000 Kinotickets kaufen werde wird mir ein bisschen schwindlig…

Mehrfachsichtungen

Die Zeiten, in denen ich mal eben einen Film hundertfach anschaue, scheinen endgültig vorbei zu sein (es sei denn J.J. Abrams gelingt im kommenden Winter das Kunststück von «The Force Awakens» ein weiteres Mal – die Hoffnung stirbt zuletzt). Ich habe im aktuellen Jahr zwar keinen Film dreimal oder öfter geschaut, dafür aber gleich vier Streifen zweifach:

«Isle of Dogs» von Wes Anderson, «First Man» von Damien Chazelle, «Wolkenbruch» von Michael Steiner und schliesslich «Bohemian Rhapsody» von Bryan Singer. Die ersten beiden, weil ich sie für Maximum Cinema anmoderierte, nachdem ich sie zuvor schon gesehen hatte (und dann gleich im Kino sitzen blieb), und die letzten zwei, weil ich sie schändlicherweise ohne meine Freundin geschaut hatte und wir das dann nachholten.

Dennoch gibt es eine kleine Veränderung in meiner Ewigen Bestenliste, denn dank der Openair-Retrospektive im Xenix und somit meiner fünften Kinosichtung braust «Mad Max: Fury Road» auf den dritten Platz, den sich George Millers rasanter Fiebertraum nun mit «The Dark Knight» teilen darf. V8!

  1. Star Wars: Episode VII – The Force Awakens (8 Sichtungen)
  2. The Dark Knight Rises (6 Sichtungen)
  3. The Dark Knight, Mad Max: Fury Road (5 Sichtungen)
  4. Inception, The Avengers, Jurassic World, Monsters University, Spectre (4 Sichtungen)

Auch thematische Mehrfachsichtungen gab es in diesem Jahr: So habe ich drei Jurassic Park-Filme4 im Kino gesehen, alle vier Indiana Jones Filme (an einem Tag, mehr dazu später), zwei Star Wars-Filme5, sowie sechs Superhelden-Filme6 (wovon glücklicherweise keiner «Venom» war).

Laufzeit

Wenn ein Film über zwei Stunden dauert, werde ich skeptisch. Am Liebsten habe ich meine Filme irgendwo um die 100-Minuten-Marke, aber Hollywood liefert leider nur selten auf Wunsch. In diesem Jahr galt aber durchaus: «Länger ist besser». Die rekordverdächtigen 188 Minuten von «Werk ohne Autor» etwa waren von Anfang bis Ende ein Genuss. Und auch «Once Upon A Time in the West» (175 Minuten) oder «Avengers: Infinity War» (149 Minuten) waren alles andere als zu lang geraten. Der umgekehrte Fall trifft ebenfalls zu: Der kürzeste Film, den ich 2018 gesehen habe, der gerade einmal 48-minütige Anime «The Shower» war leider eine völlige Enttäuschung.

Ganze 14’689 Minuten verbrachte ich in diesem Jahr mit Filmschauen, wenn man Vorspann und Pause nicht mitzählt. Das entspricht ein bisschen mehr als 10 Tagen, die ich im Kino verbracht habe. Wenn man das auf den einzelnen Film runterbricht (und dabei die ganzen kurzen Kurzfilmblöcke nicht mitzählt) ergibt das im Schnitt eine Filmdauer von 114 Minuten und 52 Sekunden, was gerade einmal 20 Sekunden über dem Vorjahres-Wert liegt. Hollywood kann also mitschreiben: Die optimale Filmlaufzeit liegt irgendwo zwischen 114 und 115 Minuten.

Das weiss auch Steven Spielberg, denn dessen «Raiders of the Lost Ark» dauert genau 115 Minuten und war im vergangenen Jahr der erste Film, den ich im Kino gesehen habe. Und damit zum nächsten Punkt:

Hall of Steven

Nachdem er sich im Vorjahr bereits die Krone geschnappt hat, ist Steven Spielberg auch 2018 der Filmemacher, von dem ich die meisten verschiedenen Filme gesehen habe: Gleich achtmal war ich für den amerikanischen Regiemaestro im Kino, was ein neuer Rekord ist (bislang lag dieser bei 7 Filmen von Hayao Miyazaki im Jahr 2015).

Das Witzige an diesem Rekord ist, dass Spielberg bereits am 2. Januar 2018 praktisch als Gewinner feststand. Das Xenix eröffnete das Jahr am Neujahrstag nämlich mit einem Indiana-Jones-Marathon und doppelte tags darauf mit einer Double Feature der ersten beiden Jurassic Park-Filme nach. Mit dem gottsjämmerlichen «Ready Player One» sowie dem eindrücklichen «The Post» komplettierte ich mein spielberg’sches 2018.

Auch die Zweit- und Drittplatzierten Herren sind an dieser Stelle keine Unbekannten: Hayao Miyazaki, von dem ich dieses Jahr, dem Kino Nische sei dank, drei Filme7 sehen durfte, war wie gesagt schon 2015 der Gewinner. Yorgos Lanthimos war im vergangenen Jahr sogar mit vier Filmen vertreten, dieses Jahr gibt es für den schrägen Griechen nur gerade zwei: «The Killing of a Sacred Deer» und «The Favourite».

Da es sich dabei aber bei beiden Filmen um neue Werke handelt, ergattert sich Lanthimos – wie auch Steven Spielberg – einen der begehrten Plätze in der Ruhmesliste jener Filmemacher, von denen ich in einem Jahr zwei neue Filme gesehen habe. Ebenfalls dabei sind Denis Villeneuve (2017), David Yates (2016) und Ridley Scott (2015).8

Animationsfilme

Wem es – wie mir – ein Anliegen ist, dass Animationsfilm mehr gewürdigt wird, der muss selbstverständlich mit gutem Beispiel vorangehen. Darum schaue ich auch jedes Jahr meiner Trickfilmliebe auf die Finger und rechne aus, wieviele der Tickets für Animationsfilme waren. Im vergangenen Jahr komme ich so auf insgesamt 34, was ein neuer Rekordwert ist. Mitgezählt sind dabei nicht nur animierte Langfilme, sondern auch Filmblöcke an Festivals die rein aus Animationsfilmen bestehen. In diesem Jahr waren das gerade einmal 14, womit immer noch 20 Tickets für Langspielfilme bleiben.

34 Animationsfilme auf 138 Kinoeintritte ergibt einen Anteil von fast einem Viertel – genauer 24.6% – womit ich auch in dieser Hinsicht rekordmässig unterwegs bin.9

In diesem Jahr kann ich auch nicht von mir sagen, dass ich irgendeinen Animationsfilm, den ich gern hätte sehen wollen verpasst habe. Selbst wenn ich «The Incredibles 2» erst ganz spät (am 30. Dezember auf deutsch und als einzige Person im Kino) nachgeholt habe, so konnte ich doch alle Filme, die mich interessiert haben und irgendwann bei uns erschienen sind, sehen.

Kosten

Seit ich nicht mehr im Kino arbeite, und nicht mehr gratis Filme schauen kann, sind auch meine Ticketkosten rapide angestiegen. Interessanterweise ging der Betrag in diesem Jahr aber ein bisschen zurück, und ich habe für alle meine Kinotickets noch 692.10 Franken ausgegeben. Das dürfte unter Anderem auch daran liegen, dass ich die meisten Filme an Festivals geschaut habe, an denen ich entweder akkreditiert oder eingeladen war. Überraschend ist es dennoch, dass ich trotz mehr Filme weniger bezahlt habe.

Wenn man diesen Betrag runterbricht, habe ich für den einzelnen Film gerade einmal läppische 5.01 Franken bezahlt, was bestenfalls dem Ticketpreis am «Tag des Kinos» entspricht. In Zürich, wo ein normales Ticket kaum für unter 14 Franken zu haben ist, ist das also ein völlig solider Wert.

Die teuersten Tickets kaufte ich mir, wie schon in den Vorjahren, fürs KKL in Luzern. Dort führen das 21st Century Orchestra und das „neue“ City Light Orchestra ihre Live-Filmmusikkonzerte auf, was entsprechend auch mit teureren Ticketpreisen verbunden ist. Unter 80.00 Franken bekommt man da kaum eine gute Karte, doch das ist es auf jeden Fall wert.

Nachtrag 2. Januar: Kleine Zahlenkorrektur bei der Laufzeit von «Avengers: Infinity War» und entsprechende Anpassung des Durchschnittswerts.

2018 in Review

Nicht mehr lange, dann geht ein weiteres Jahr zur Neige. Das bedeutet für mich auch, dass gewisse Blogtraditionen gepflegt werden wollen, selbst wenn hier kaum mehr etwas an meine Bloggervergangenheit erinnert. Irgendwie wirkt hier alles so… ausgestorben.

Mein Jahresabschluss-Fragebogen-Jubiläum will ich mir dann aber doch nicht entgehen lassen. Seit meinen Bloggeranfängen im 2009 fülle ich jedes Jahr Ende Dezember denselben Fragebogen aus und werfe einen persönlichen, ja fast schon intimen Blick zurück auf das vergangene Jahr.

Was bisher geschah: 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

2018 wartete mit vielen, meist positiven Überraschungen auf. Würde ich meinem 2017-Ich davon erzählen, es würde mir wohl nicht glauben. Nach dem ernüchternden letzten Jahr, das mich in vielen Bereichen auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen hat und mir viel Geduld und Durchhaltevermögen abverlangte, schöpfte ich 2018 wieder mehr Hoffnung, dass ich mich vielleicht ja doch auf dem richtigen Weg befinde.

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Spendenauktion 2018

Als ich im Dezember vor drei Jahren anlässlich der Spendenauktion 2015 Star-Wars-Zeichnungen versteigert habe, kamen dabei mehr als 200 Franken zusammen. Das Geld ging aber nicht in meine Tasche, sondern kam vollumfänglich der Stiftung Wunderlampe zugute, einer wohltätigen Stiftung, die kranken Kindern nicht-materielle Wünsche erfüllt und ihnen damit auf ihrem schwierigen Weg etwas Licht schenkt. Hier könnt ihr euch ein Bild davon machen: www.wunderlampe.ch

Der Erfolg dieser ersten Spendenauktion hat mich enorm gefreut, doch ich habe das Gefühl, dass da noch mehr drinliegt. Aus diesem Grund starte ich einen zweiten Durchgang – diesmal versteigere ich alle 31 Originalzeichnungen meines Inktober-Projekts «Moody Robots». Den ganzen Oktober hindurch habe ich nämlich jeden Tag einen kleinen Roboter gezeichnet, jeden davon in einer anderen, von euch vorgegebenen Gemütslage. So sind «Grumpy Robot», «Happy Robot» und sogar «Angry Robot» entstanden.

Alle diese Originalzeichnungen sind jetzt zu haben – und ihr unterstützt damit erst noch einen guten Zweck. Besser geht’s fast nicht.

Noch bis am 8. Dezember 2018 um 22 Uhr (MEZ) könnt ihr hier auf die Originale (im Format A6) bieten. Wichtig: Jedes Gebot, das ihr abgebt, ist verpflichtend. Solltet ihr die Karte ersteigern, könnt ihr mir das Geld entweder auf mein Konto überweisen oder per Paypal zahlen – ich werde euch instruieren. Anschliessend werde ich euch die Karte per Post zukommen lassen.

Doch das ist noch nicht alles! Dank dem grosszügigen Support meiner Druckerei Feldner Druck (die die Produktionskosten übernommen haben) habe ich zudem noch ein kleines A6-Heftli mit allen 31 Robotern produziert. Es trägt den Titel «Moody Robots» und ist in einer extremst limitierten Auflage von 31 Stück erhältlich. Ihr könnt euch eure Roboterkollektion auf www.machaon.ch für 8 Franken sichern. Ehrensache, dass auch diese Einnahmen vollumfänglich an die Stiftung Wunderlampe fliessen.

Owley am ZFF 2018: Die Letzten

Tag 10 & 11: Samstag, 6. Oktober & Sonntag, 7. Oktober 2018

Mein diesjähriges Zurich Film Festival ist grösstenteils bereist durch, für die letzten beiden Festivaltage stehen nur noch zwei Filme an, was einerseits daran liegt, dass ich meinen Samstagabend verplant habe, aber auch, dass ich schon alles gesehen habe, was ich sehen wollte.

Der erste dieser beiden Filme steht am Samstag auf dem Programm, im Anschluss an meine zweitletzte Moderation. Dazwischen bleibt noch etwas Zeit, in der ich den warmen Nachmittag geniesse, Kaffee trinke und mit Freunden plaudere. So muss das sein. Auf den Film, der ansteht habe ich mich schon eine Weile gefreut: «Matangi/Maya/M.I.A.» (4/5) heisst der Dokumentarfilm über die britische Musikerin M.I.A. von Steve Loveridge, der versucht, diese ebenso kontroverse wie faszinierende Persönlichkeit zu erfassen. Loveridge setzt dabei unter anderem auch auf Archivmaterial von M.I.A. selber – eine der grössten Stärken dieses Films. Nur schade, dass der Regisseur – ein langjähriger Freund der Musikerin – in seinem Werk eine komplett unkritische, ja bisweilen glorifizierende Haltung einnimmt.

Am Sonntag darf ich zum ersten Mal ein bisschen ausschlafen, hurra! Nach meiner letzten Moderation des diesjährigen ZFF steht auch mein letzter Film auf dem Programm. Ich muss zwar sagen, dass ich mir schon ein bisschen Sorgen gemacht habe, als ich gesehen habe, dass Sven dem Film gestern auf Letterboxd nur einen Stern gegeben hat. Die österreichische Komödie bestätigt leider sämtliche Bedenken – das war nichts. In «Womit haben wir das verdient?» (1/5) eröffnet eine pubertierende Tochter ihren Eltern, dass sie zum Islam konvertiert ist. Islamophobie, Feminismus, Genderwahn: Eva Spreitzhofer lässt in ihrem Regiedebüt keine Pointe aus – schade nur, dass sie alle scheisse sind. Statt einem Versuch, auf intelligente Weise Kulturen aufeinanderprallen zu lassen, bietet «Womit haben wir das verdient?» haufenweise plumpe Klischees der Schweiger’schen Sorte. Dieser letzte Film des ZFF ist wirklich das Letzte.

Owley am ZFF 2018: Off ZFF

Tag 9: Freitag, 5. Oktober 2018

Johnny Depp! OMG! Das Zurich Film Festival steht heute ganz im Zeichen des überbewertetsten Piraten der Welt, der am Abend über den Teppich schreiten und eine Master Class geben wird. Die Tickets dafür waren innert zehn Minuten ausverkauft, Kostenpunkt: 90 Franken. Die Dreistigkeit, die die Köpfe hinter diesem Festival bisweilen an den Tag legen, überrascht mich immer wieder. Aber dann wiederum bestimmt die Nachfrage den Preis, und offensichtlich rechtfertigt sie diesen.

Johnny ist mir egal, und der ganze Rummel ebenso. Ich habe auch keine Stars getroffen, nur Joel Basman bin ich begegnet, und der ist – bei all seinem Talent, das er dieses Jahr wiederholt unter Beweis gestellt hat – kein wirklicher Star. Ich nutze die Zeit lieber, um Filme zu schauen und Leute kennenzulernen. Ein bisschen Johnny Depp gibt es heute aber doch noch, denn als Erstes steht der neue Film des Schauspielers auf dem Programm, den er ans ZFF mitgebracht hat.

«Richard Says Goodbye» (2/5) heisst das Drama, das Johnny als Literaturprofessor zeigt, der seine Krebsdiagnose zu verarbeiten versucht. Der Film wurde mir als eine Art «The Bucket List» angepriesen, was aber aus diversen Gründen überhaupt nicht zutrifft. Einer davon ist, dass das Freeman-Nicholson-Vehikel effektiv witzig ist, dieser Film hingegen überhaupt nicht. Das halbgare und wirre Drehbuch hätte einen starken Darsteller gebraucht, der daraus noch einen vernünftigen Film hätte machen können – stattdessen gab es Johnny Depp. Der Schauspieler nuschelt sich derart lustlos durch diesen Film, dass er wohl sämtlichen Träumen eines zweiten Karrierefrühlings ein Ende setzt.

Durch einen Wechsel im Pressevorführungsprogramm steht nun im unmittelbaren Anschluss «Der Vorname» (4/5) von Sönke Wortmann an, den ich ansonsten verpasst hätte. Ich habe das französische Original dieses Kammerspiels leider nicht gesehen, aber habe gehört, dass es gut sein soll. Immerhin: Das Remake ist witzig und lässt während seiner gesamten 90 Minuten keine einzige Pointe aus. Da verzeiht man dem Film auch gerne seinen fehlenden Mut (etwa wenn Christoph Maria Herbst in der Rolle von Christoph Maria Herbst besetzt wird) und die gar zahme Auflösung. Für gute Unterhaltung sorgt «Der Vorname» aber auch so auf jeden Fall.

Ohne Pause geht es weiter in meinen zweiten Dokumentarfilm des Festivals: «Putin’s Witnesses» (4/5) von Vitaly Mansky. Der frühere Hausdokumentarist des russischen Präsidenten war zur Jahrtausendwende, also dem Beginn von Putins Herrschaft, ein steter Begleiter des mittlerweile mächtigsten Manns der Welt. Der kritische Dokumentarfilm ist auch ein Eingeständnis zur eigenen Rolle von Mansky, der wesentlich dazu beigetragen haben dürfte, den Mythos Putin in den Köpfen des russischen Volkes zu verankern.

Als Menschen erlebt man den Präsidenten in «Putin’s Witnesses» nicht – dafür stellt sich Putin zu geschickt an. Es ist stattdessen sein Vorgänger Boris Yeltsin, den Mansky ebenfalls begleitet hat, der uns hinter die Fassade blicken lässt. Innert kürzester Zeit wird Yeltsin vom Königsmacher zur Randnotiz der Geschichte degradiert – am Ende bleibt nur ein gebrochener alter Mann.

Mein nächster Film ist meine erste Vorstellung abseits des ZFF. «A Star is Born» (2/5) wurde Anfang Woche noch am Festival gezeigt und ist inzwischen bereits regulär im Kino zu sehen. Zusammen mit Alan schaue ich mir Bradley Coopers gefeiertes Regiedebüt über den parallel verlaufenden Aufstieg und Fall zweier Musiker an. Man kann dem Film einen gewissen Charme nicht absprechen und die beiden Hauptrollen sind mit Cooper und Lady Gaga gut besetzt – vorallem Letztere spielt in ihrer ersten Filmrolle überraschend stark. Doch bei der Story fällt «A Star is Born» für mich durch – allzu geradlinig und konventionell erzählt, bleibt dieser Musikfilm so fad wie seine Songs.

Nachdem ich die letzten acht Stunden durchgängig Filme geschaut habe, genehmige ich mir eine kurze Pause, treffe meine Freundin zum Znacht und setze mich anschliessend ein letztes Mal ins Kino, wo «Mission: Impossible – Fallout» (3/5) auf dem Programm steht. Nein, der Film läuft nicht am Festival, aber ich nutze die Lücke in meinem Plan, um diesen Film endlich nachzuholen. Im schlechtesten Kino der Stadt und in unnötigem 3D schaue ich also, wie Tom Cruise einmal mehr die Welt rettet. Die Story ist natürlich völliger Müll und die wenigen Plottwists, die noch nicht in den Trailern verraten wurden, sind nicht der Rede wert. Zum Glück macht das Christopher McQuarrie mit rasanten Actionsequenzen und schicken Set Pieces wett. Der sechste Teil von Tom Cruise’ Agentenreihe ist zwar bei weitem kein Volltreffer, aber immerhin gute Unterhaltung bietet.

Owley am ZFF 2018: Double Feature

Tag 8: Donnerstag, 4. Oktober 2018

Der heutige Tag dürfte der kürzeste Tag des Festivals werden für mich: Nur zwei Filme stehen auf dem Programm: Einer am Morgen, einer am Abend. Dazwischen muss ich arbeiten, denn es gibt doch noch Projekte, die kann und will ich selbst am Zurich Film Festival nicht beiseiteschieben. Ich bin ein bisschen früher beim Kino, weshalb ich noch einen Kaffee trinke und langsam in den Tag starte.

Los geht es mit «Ballon» (5/5) von Michael Bully Herbig, der für mich einer der Filme des Festivals ist, auf den ich mich am Meisten freue. Nicht, dass ich jetzt ein grosser Bully-Fan wäre, aber das erste Drama des deutschen Regisseurs sieht wirklich gut aus, und irgendwie wünscht man es Bully ja, dass es ihm endlich gelingt, aus seiner Haut zu können. Und tatsächlich erweist sich «Ballon» als eines meiner Festival-Highlights. Basierend auf der wahren «Ballonflucht» zweier deutscher Familien aus der DDR liefert Bully einen nervenaufreibenden und berührenden Thriller, der unter die Haut geht.

Ursprünglich wollte ich an diese Pressevorführung diejenige zu «Whitney» anhängen – da die Vorstellungen aber nur 10 Minuten und zahlreiche Kilometer auseinander liegen, entschied ich mich dazu, «Whitney» stattdessen am Abend zu schauen. Als ich nach «Ballon» auf die Uhr blicke, stelle ich aber fest, dass der Film deutlich früher fertig war als gedacht und beschliesse, es doch noch mit der zweiten Pressevorstellung zu versuchen. Und tatsächlich: Kurz darauf sitze ich im Film und freue mich darüber, dass sich meine Tagesplanung dadurch nun wesentlich einfacher gestaltet.

«Whitney» (4/5) ist mein erster Dokumentarfilm des Festivals, ein Genre mit dem ich mich immer wieder schwertue. Ich schaue viel zu wenige Doks und weiss nach dem Film auch gar nicht so recht, ob ich jetzt einen guten oder einen schlechten Film gesehen habe. Kevin Macdonalds Film über Whitney Houston hat mir auf jeden Fall sehr gut gefallen. Es ist sehr berührend, den kometenhaften Aufstieg der Sängerin, aber auch ihren ebenso rasanten Fall zu beobachten. Dafür holt Macdonald zahlreiche Freunde und Familienmitglieder von Whitney Houston vor die Kamera und lässt sie Auskunft geben über das Leben dieser aussergewöhnlichen Musikerin.

Damit endet mein viertletzter Festivaltag auch schon, und ich freue mich auf meinen ersten filmfreien Nachmittag seit einer Weile.

Owley am ZFF 2018: Abgestumpft

Tag 7: Mittwoch, 3. Oktober 2018

Beinahe wäre es heute zu einem 6-Filme-Tag gekommen, doch letzten Endes habe ich mich zugunsten eines ein bisschen entspannteren Abends dagegen entschieden. Der Tag beginnt auch so genug früh, da ich diesmal von Luzern anreisen muss. Das lohnt sich nur bedingt, denn der erste Film des Tages, «Red Joan» (2/5) mit Judi Dench, ist ein ziemlicher Reinfall. Die britische Schauspielerin spielt in dem Film im Grunde die gleiche Rolle wie in «Philomena»: Auch Joan wird von ihrer Vergangenheit eingeholt, wird sie doch dafür angeklagt, während des Kalten Kriegs britische Geheimnisse an Russland weitergegeben zu haben. Auch eine solide (lies: nicht überragende) Darbietung von Judi Dench kann dieses seichte Drama, das seine Figuren selber nicht wirklich zu kennen scheint, retten.

Im direkten Anschluss steht «Kursk» (2/5) auf dem Programm, Thomas Vinterbergs Drama über den Untergang eines russischen U-Boots. Der Film wurde von Luc Bessons EuropaCorp produziert und entsprechend ist das Drama auch international besetzt, weshalb man sich darauf geeinigt hat, dass alle Russen im Film ein akzentbehaftetes Englisch reden. Das nagt an der Glaubwürdigkeit dieses auf wahren Tatsachen beruhenden Katastrophenfilms, der auch ansonsten nie wirklich in die Gänge kommt. Bis zum Schluss bleibt etwas zwischen uns und den Protagonisten und Vinterberg, der zuvor wiederholt bewiesen hat, dass er mit Figuren umzugehen weiss, tut sich mit diesem auf dem Papier stark besetzten Ensemble überraschend schwer. «Kursk» tut es seinem realen Vorbild gleich und ist eine Katastrophe.

Alle meine Filme heute laufen in Kinos, die in Gehdistanz zum Festivalzentrum liegen, was mir den Stress von Tram- und Zugfahren ersparen. So kann ich die Sonne ein bisschen geniessen, bevor mit «Monsters and Men» (4/5) mein nächstes Screening ansteht. Das Regiedebüt von Reinaldo Marcus Green erzählt vom Mord eines Polizisten an einem Schwarzen in New York, bzw. was diese Tat mit betroffenen Menschen macht. Mit seiner etwas holprigen Erzählweise ist «Monsters and Men» zwar kein perfekter Film, aber das charmant besetzte Drama besticht durch eine differenzierte Figurenzeichnung und authentische Inszenierung.

Auch der nächste Film stammt von einem Regiedebütanten, der aber alles andere als ein unbeschriebenes Blatt ist: Paul Dano. Bevor ich mich aber in sein Familiendrama «Wildlife» setze, schnappe ich mir noch einen Kaffee vom Vicafe-Stand beim Bellevue. Das ist eine meiner zwei ZFF-Traditionen: Die andere ist die Wurst vom Vorderen Sternen, die ich bereits am ersten Tag gegessen habe. Die Schlange vor dem Kaffee-Stand ist erwartungsgemäss ziemlich lang, ist ja schliesslich auch der beste Kafi der ganzen Stadt.

«Wildlife» (3/5) von Paul Dano ist ein interessantes Drama über eine Familie in den 60er-Jahren, deren heile Welt langsam auseinanderbricht. Der Film ist wunderschön gefilmt und überragend besetzt (Carey Mulligan, Jake Gyllenhaal, sowie der junge Ed Oxenbould), aber leider dann doch ein bisschen sehr schleppend erzählt. Was mir Dano mit «Wildlife» sagen wollte, weiss ich bis jetzt noch nicht so recht.

Mein letzter Film des Tages ist «Juliet, Naked» (3/5) von Jesse Peretz. Dabei handelt es sich ein bisschen um eine persönliche Angelegenheit, denn als grosser Nick Hornby-Fan mochte ich bislang alle seine Verfilmungen. Aus diesem Grund habe ich mir für den Film auch Tickets gekauft, um ihn sicher sehen zu können. Und ich habe es sogar geschafft, meine Freundin in ihre allererste ZFF-Vorstellung zu schleppen. Das Verdikt: «Juliet, Naked» ist okay. Die Geschichte über eine Frau, die sich ausgerechnet in den Lieblingsmusiker ihres Mannes verliebt war schon als Buch nicht mein Lieblingsstoff von Hornby, und auch die Verfilmung kann mich nicht vollends überzeugen. Der Charme eines «About a Boy» fehlt diesem Film, der mit Ethan Hawke, Rose Byrne und Chris O’Dowd gut besetzte Musikfilm ist nichtsdestotrotz eine kurzweilige Angelegenheit.

Immerhin: Der Film hat meiner Freundin deutlich besser gefallen als mir (4/5), und sie attestiert, dass ich nach 28 Filmen meine Sinne womöglich ohnehin abgestumpft habe und daher Filme nicht mehr richtig wahrnehmen könne. Vermutlich hat sie Recht.

Owley am ZFF 2018: 19 down

Tag 6: Dienstag, 2. Oktober 2018

Die erste Festivalhälfte ist bereits durch, 19 Filme habe ich hinter mir. Doch noch habe ich nicht genug, auch in der zweiten Halbzeit will ich mir noch so einige Filme anschauen. Alleine für heute habe ich mir fünf Filme vorgenommen. Los geht es mit dem schwarzweiss gefilmten «Cold War» (2/5) von Pawel Pawlikowski, der im Polen der Nachkriegszeit spielt und von der Liebesbeziehung zwischen einem Musiklehrer und einer Sängerin erzählt. Obschon es sich bei der Geschichte um eine Persönliche handelt (der Film basiert lose auf der Geschichte von Pawlikowskis Eltern) bleiben uns die Figuren fremd, und ihr Handeln irrational. So ist «Cold War» nicht mehr als eine weitere tragische Liebesgeschichte.

Rein rechnerisch sollte es eigentlich drinliegen, von dieser Pressevorführung am einen Ende der Stadt zur nächsten Vorstellung von «First Man» am anderen Ende der Stadt zu kommen, doch ein bisschen stressig wird es am Schluss dann doch. Im Gegensatz zum besser organisierten Vorjahr hat es das Zurich Film Festival in diesem Jahr wieder einmal geschafft, einen Pressevorführungs-Zeitplan aufzustellen, der so manche «Sophie’s Choice» bereithält – oder zumindest für viel Hektik und wenig Zeit zwischen den Filmen sorgt. Immerhin: Für «First Man» (4/5) reicht es dann doch rechtzeitig.

Damien Chazelle, der bisher alle seine Filme am Festival präsentiert hat, erzählt in seiner zweiten Zusammenarbeit mit Hauptdarsteller Ryan Gosling die Geschichte des ersten Mannes auf dem Mond. Wunderschön gefilmt und stark besetzt ist dieses Neil Armstrong-Biopic eine Wucht, selbst wenn die Story zwischendurch etwas gehetzt wirkt und die Nebenfiguren etwas gar blass bleiben. Doch nur schon für seine letzte Stunde ist «First Man» ein Muss für jeden Filmfan.

Ich nutze die kurze Pause bis zum nächsten Film für einen Unterbruch vom Festival und treffe mich mit Olivia zum Kaffee. Es tut gut, zur Abwechslung mal über etwas anderes als Filme reden zu können. So fühlt sich also ein normaler Alltag an. Habe ich fast schon vergessen.

Als Nächstes steht meine erste Reprise des Festivals an. Da Donald Sutherland zu Gast ist (bzw. war), zeigt das Filmpodium alte Filme mit ihm – heute ist «The Dirty Dozen» (3/5) dran, ein eher schlecht gealterter Kriegsfilm irgendwo zwischen «The Seven Samurai» und «Inglourious Basterds». Robert Aldrichs Film ist zwar unbeschwert inszeniert und mit Lee Marvin verfügt «The Dirty Dozen» auch über einen starken Protagonisten – nichtsdestotrotz ist der Film einen ganzen Akt zu lang geraten.

Als Nächstes muss ich ein Ticketproblem regeln. Ich habe für eine Vorstellung am nächsten Tag für meine Freundin und mich Tickets gekauft, die ich aber blöderweise zuhause vergessen habe. Und da gehe ich für die nächste Zeit auch gar nicht mehr hin. Mit guten Fotos der Tickets ausgerüstet begebe ich mich also zum Ticketdesk, in der Hoffnung, dass sie diese für mich noch einmal ausdrucken können. Doch einmal mehr zeigt sich das Festival von seiner komplizierten Seite. «Das können wir leider nicht tun», heisst es. Und so muss ich nun eine Lösung für dieses Problem finden. Ich beschliesse heute Abend den letzten Film sausen zu lassen um dafür nach Luzern zu fahren, und dort die Tickets zu holen.

Dadurch steht für mich nur noch ein Film an: «Loro» von Paolo Sorrentino, auf den ich mich schon seit Anfang des Festivals freue. Auf dem Weg ins Kino merke ich jedoch, dass ich am falschen Ort bin. Der Film läuft nicht wie ich dooferweise glaubte im Riffraff, sondern im Kino Arena am andern Ende der Stadt. Und ein Blick auf die Uhr verrät: Das schaffst du nicht mehr. Ich beschliesse, es doch zu versuchen und allenfalls halt die ersten zehn Minuten zu verpassen (der Film hat ja noch 140 weitere) und nerve mich ein bisschen über meine eigene Dummheit. Doch als ich zum Kino komme, verfliegt der Ärger schnell: Der Film läuft noch nicht. Zum ersten Mal dieses Jahr erwische ich eine Vorstellung, die nicht pünktlich beginnt, und ich könnte darüber nicht glücklicher sein.

Nicht völlig glücklich macht mich «Loro» (4/5). Paolo Sorrentinos wunderschön gefilmte Satire über einen gewissen ehemaligen italienischen Premierminister ist mit Toni Servillo (in einer Dopperolle) zwar top besetzt, kann aber seine 150 Minuten (die für die Ein-Film-Version von 210 Minuten heruntergekürzt wurden!) nicht rechtfertigen. Die Story ist schleppend und repetitiv – da helfen Sorrentino auch haufenweise nackte Frauen und Bunga Bunga-Spektakel nicht weiter.

Owley am ZFF 2018: Astrid, Puzzles und das ganze Leben


Tag 5: Montag, 1. Oktober 2018

Als ich mich zum Mittagessen mit meiner Schwester treffe, habe ich noch keinen einzigen Film gesehen. Ausschlafen konnte ich deswegen aber nicht, denn bereits am Morgen stand meine dritte Anmoderation des Festivals auf dem Programm. Zum letzten Mal für dieses Jahr durfte ich zudem ein Q+A mit einem Filmemacher leiten, was ich immer sehr spannend finde.

Erst am Nachmittag geht es für mich los mit dem Filmeschauen, denn dann steht meine erste Vorstellung des Tages an. Ich treffe auf dem Weg noch auf Sven und – ein bisschen überraschender – auch auf Olivia, mit der ich eine Weile die Wohnung geteilt habe. Alle haben wir dasselbe Ziel: Die Pressevorstellung von «Astrid» (3/5) von Pernille Fischer Christensen. Der Film erzählt vom Leben der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren und kann (mit wenigen Abstrichen) überzeugen. Die berührende Geschichte über Astrids erste Liebe und den Kampf um ihr Kind bettet die Regisseurin in eine künstliche aufgebauschte Rahmenhandlung ein, die die Authentizität des eigentlichen Films immer wieder untergräbt. Weniger Pathos hätte diesem Film besser getan.

Auf dem Weg zum nächsten Kino begegne ich Linda, die mir Angst macht. Angeblich wurde «Life Itself» den ich als Nächstes sehen werde, von der Kritik in der Luft zerrissen. Na danke. Und tatsächlich belausche ich beim Verlassen des Kinos auch einige Leute, die sich lautstark über den Film aufregen. Ich kann ihnen nicht beipflichten, denn ich habe gerade einen der interessantesten Filme des Festivals gesehen. «Life Itself» (5/5) ist ein kitschiges, durchgeknalltes und bisweilen überbordendes Machwerk, das wirkt, als wolle es in seinen schlappen zwei Stunden Laufzeit mal eben die Welt erklären. Dan Fogelmans Drama über Familie, Liebe und Tod will insgesamt mehr, als ihm guttut – doch alleine für den Mut, solch einen wahnsinnigen Film zu machen, muss man dieser Produktion Respekt zollen.

Bei meiner letzten Vorstellung der ersten Festivalhälfte ist das Kino ziemlich leer. Das liegt einerseits daran, dass sie am Montagabend ist, und andererseits am Film selber. Sowohl die Hauptdarsteller (Kelly Macdonald und Irrfan Khan) auch die Story (eine vom Alltag erdrückte Hausfrau entdeckt ihre Liebe für Puzzles) sind jetzt nicht gerade das, was die breite Masse erreicht. Darüber kann «Puzzle» (3/5) auch nicht wirklich hinwegtäuschen – die Figuren und ihre Probleme sind zu einfach gezeichnet, die Story zu geradlinig. Marc Turtletaubs Remake eines argentinischen Dramas ist ein bisweilen gar zu seichter Film.

Owley am ZFF 2018: Vom Pressepass zum Moderatorenpass

Tag 4: Sonntag, 30. September 2018

Ich informiere mich am Zurich Film Festival nur noch über die wenigsten Filme. Meist ist es ein Regisseur oder ein Schauspieler, wegen dem ich mir den Film ansehe. Manchmal ist es auch einfach eine Filmkultur, wie etwa das chinesische oder dänische Kino, dem ich viel abgewinnen kann und weshalb ich mich dann ins Kino setze. Und zugegebenermassen: Viel zu oft ist es einfach nur das Bild im Katalog, das mir gefällt. Im Fall von «Werk ohne Autor» (5/5) von Florian Henckel von Donnersmarck war es aber einfach die Tatsache, dass sich der Film im Rennen um den deutschen Oscar-Beitrag gegen so starke Konkurrenz durchgesetzt hat, dass ich neugierig wurde.

Als ich also um 9 Uhr und entsprechend unausgeschlafen im Kino sitze, lerne ich, warum es manchmal doch noch gut ist, sich ein bisschen zu informieren. Sven von Outnow verrät mir nämlich, dass der Film über drei Stunden dauert. Ich verarbeite diese Information gerade, als das Saallicht gedimmt wird und der Film beginnt. Was folgt, fühlt sich bei Weitem nicht nach drei Stunden an. Henckel von Donnersmarcks Film ist ein ebenso schonungsloses wie berührendes Werk, das einen vom ersten Augenblick in seinen Bann reisst. Der deutsche Regisseur erzählt in seinem mehrere Jahrzehnte umspannenden Drama von Carl, einem jungen Künstler, der sich auf der Suche nach sich selbst auch seinen Erinnerungen aus der Zeit des Nationalsozialismus stellen muss.

Tom Schilling besticht in der Hauptrolle und auch Sebastian Koch als eiskalter Nazi ist grossartig besetzt. Es ist jedoch dieser gemeinsame Sideplot, der den Film mit seinen Wendungen bisweilen ausbremst und ihn ein bisschen seine Glaubwürdigkeit kostet. «Werk ohne Autor» ist dann am besten, wenn es um Carl und seine Kunst geht. Ich, ich, ich, eben.

Als Nächstes tausche ich meinen Pressepass gegen einen Moderatorenpass. In diesem Jahr stehe ich nämlich auch noch auf der Bühne und moderiere zwei Filme an. Heute stehen gleich beide Anmoderationen inklusive Q+As mit den Filmemachern an. Ich habe mich schon damit abgefunden, dass ich vor solchen Dingen immer nervös bin, auch wenn ich eigentlich gut vorbereitet bin. Und sowieso: Ein kleines bisschen Bammel tut gut. Und zum Glück ist das Publikum angenehm, und meine Gäste (Oscar-Preisträger Alexandre Espigares bzw. Produzent Tom Carpelan) ebenfalls.

Es ist inzwischen schon Abend und ich wechsle wieder auf die Seite des Publikums. Noch zwei Filme stehen heute an, «Quien te Cantará», der im internationalen Wettbewerb läuft und die Komödie «The Old Man and the Gun» mit Robert Redford. «Quien te Cantará» (2/5) erzählt von einer spanischen Popsängerin, die ihr Gedächtnis verliert und mit der Hilfe eines Fans versucht, sich an ihre Songs zu erinnern. Die Idee klingt eigentlich charmant und es ist auch nicht alles misslungen an diesem Film – doch die schleppende und repetitive Erzählweise, sowie die eindimensionalen Figuren, die keine Identifikation zulassen, machen es schwer, den Film zu mögen.

«The Old Man and the Gun» (4/5) hingegen ist ein waschechter Crowdpleaser, und nicht nur, weil mit Robert Redford der Rentner-Publikumsmagnet schlechthin in der Hauptrolle zu sehen ist. David Lowerys Film erzählt die larger-than-life-Story von Forrest Tucker, eines älteren Gentlemans, der leidenschaftlich Banken ausraubt. Robert Redford spielt seine Rolle so charmant, dass ihm nicht nur alle Bankangestellten verfallen, sondern auch wir. Da verzeiht man dem Film auch gerne seine unnötigen Nebenfiguren und die etwas gar geradlinige Story.

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