Interview mit Simon Otto

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Dass mich Animationsfilme begeistern, habe ich vermutlich zu Genüge kundgetan. Dieser Leidenschaft werde ich im Herbst mit einem Animationsstudium selber nachgehen, weshalb das Gespräch, das ich letzte Woche führen durfte, eine sehr spezielle Bedeutung für mich hat. Simon Otto ist ein Schweizer Animator, der seit über einem Jahrzehnt im Dienst von DreamWorks steht. Für den 2010 erschienen How To Train Your Dragon waltete er ausserdem als Head of Character Animation, eine Rolle, die er auch beim Nachfolger, der nächste Woche anläuft, einnimmt.

Im Interview spricht Simon ausführlich über den Schaffensprozess hinter How To Train Your Dragon 2, die momentane Situation der Animationslandschaft und den geplanten dritten Teil.

Hoi Simon, danke, dass du dir Zeit nimmst für dieses Gespräch.

Kannst du mir erklären, was genau deine Aufgabe als „Head of Character Animation“ bei diesen Filmen ist?

Man kann das so verstehen, dass ich die rechte Hand des Regisseurs bin, was die Figuren betrifft. Ich bin zuständig für die verschiedenen Wikinger, die Drachen und so weiter, dafür wie sie aussehen, und wie sie in den Film integriert werden. Das fängt bei den ersten Konzeptzeichnungen und Entwürfen an und geht bis zum Schluss, wo wir ein fertiges digitales Modell haben. Denn jede Figur im Film ist im Grunde eine extrem komplexe digitale Puppe, die man mithilfe von Zahlen und Befehlen steuern kann. Jedes dieser Figurenmodelle hat einen Wert in Millionenhöhe. Da steckt total viel Arbeit drin, die sich oft über mehrere Monate und Jahre erstreckt. Dabei habe ich die Verantwortung für alle Figuren und was mit ihnen geschieht – im Gegensatz zu den rund vierzig „Supervising Animators“, die jeweils nur für eine Figur zuständig sind.

Wie gross ist denn bei so einer Position dein Einfluss auf den fertigen Film?

Das hält sich schon in Grenzen, schliesslich arbeiten da mehrere hundert Menschen dran. Aber es ist schon so, dass ich durch den direkten Austausch, den ich mit Regisseur Dean DeBlois pflege, immer mal wieder Ideen einbringen kann. Als Animatoren ist es vielmehr unsere Aufgabe, das Potential einer Szene auszuschöpfen, also das Beste damit zu machen. Wenn es dabei Freiheiten gibt, dann nutzen wir die natürlich. Das Drehbuch ist schon ziemlich klar vorgegeben, aber bei den Bewegungen oder einzelnen Gags haben wir als Animatoren dann doch freie Hand. Es gibt im Film zum Beispiel eine Szene zwischen Hiccup und Toothless, bei der sich der Wikingerjunge seinem Drachen an den Hals wirft, worauf dieser aufsteht und ihn über einen Abgrund hängen lässt. Die stand in dieser Form nicht im Script.

Die Figuren in How To Train Your Dragon 2 sind gegenüber dem ersten Teil deutlich gealtert – ein Novum im Animationsfilm, wo die Zeit eigentlich stehen bleibt. Woher kam diese Idee?

Das stand schon ziemlich früh fest, als klar war, dass wir eine Fortsetzung für How To Train Your Dragon machen würden. Wir waren so stolz auf unseren Film, aber wollten auf keinen Fall dieselbe Geschichte noch einmal erzählen. Im ersten Teil hatten wir bereits einige ungewöhnliche Entscheidungen getroffen, die glücklicherweise aufgingen, weshalb uns das Studio auch mit diesem Zeitsprung Vertrauen schenkte. Ich weiss noch, dass Dean ziemlich bald zu mir kam und mir sagte, dass er die Figuren altern lassen möchte und dass sie die neue Welt, die ihnen nun offensteht, erkunden sollten. Dass Figuren älter werden gab es schon immer mal wieder, Andy in Toy Story altert etwa auch. Aber dass man das mit den Hauptfiguren macht, ist schon ungewohnt. Wir waren aber überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, da wir so gewisse Entwicklungen aufzeigen konnten. Berk hat sich verändert und auch die Wikinger haben nun einen ganz anderen Umgang mit den Drachen als noch im ersten Teil.

Wird es damit beim dritten Film, der ja 2016 kommen soll, ebenfalls einen Zeitsprung geben?

Ich denke nicht, dass wir die Charaktere noch einmal fünf Jahre altern lassen werden. Zumal es noch einige offene Fragen gibt, die noch beantwortet werden müssen. Wie wir das genau machen, steht noch nicht fest, da hat das Studio das letzte Wort. Aber wir streben eine direkte Fortsetzung zu How To Train Your Dragon 2 an. Das erste Buch der Reihe beginnt mit dem Satz „There were dragons when I was a boy“ und das ist ein Satz, der im dritten Film, der diese Trilogie abschliessen wird, sicher eine gewisse Bedeutung haben wird.

Viele der Drachen sind Tieren nachempfunden, Toothless erinnert an eine Katze, während Cloudjumper einer Eule ähnelt. Welche Überlegungen liegen dem zugrunde?

Wir wollten zu einem gewissen Grad mit dem echsenartigen Stereotyp des Drachen brechen und eine Tierwelt an ganz verschiedenen Drachen schaffen. Da lag es natürlich auf der Hand, uns auch gleich von Tieren inspirieren zu lassen, wobei bei jedem Drachen ein Mischmasch an Tieren zum Tragen kommt. Den grossen Alpha etwa haben wir einem Mammut, einem Otter und einem Eisbären nachempfunden, wobei wir auch Raum für andere Ideen liessen. Wir wollten nicht einfach irgendwelche Tiere aussuchen, uns war es wichtig, dass die jeweiligen Tiere zu den Drachen passen. Toothless ist zum Beispiel genauso verspielt wie eine Katze und genauso wendig wie ein Salamander und Cloudjumper ist eher zurückhaltend und abwartend – wie eine Eule.

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Ich habe kürzlich einer Freundin von How To Train Your Dragon 2 erzählt, worauf sie entgegnete, dass sie Kinderfilme nicht so interessant fände. Viele Leute verstehen Animationsfilme immer noch als Kinderkram – wie schafft ihr es, auch ein älteres Publikum anzusprechen, ohne die jungen Zuschauer zu vernachlässigen?

Ja, diese Aussage habe ich leider auch schon viel zu oft gehört, vor allem im deutschsprachigen Raum. Man ist hierzulande nach wie vor der Auffassung, dass Animation ein Filmgenre ist und nicht ein Medium mit dem man etliche Arten von Geschichten erzählen kann. Das ist zum Beispiel in Frankreich oder Japan ganz anders, was viel mit der kulturellen Landschaft der entsprechenden Ländern zu tun hat. In Frankreich, z.B ist der Comic ein wichtiger Teil des Kulturerbes und hat eine enorme Präsenz in der Gesellschaft. Es ist dort absolut normal, dass Erwachsene Comics lesen und es deshalb auch eine gigantische Vielfalt an verschiedenen Arten von Comics gibt. In Japan sind erwachsene Mangas und Animationsfilme oft die erfolgreichsten Filme oder Comics des Jahres.

Ich denke aber, dass sich dies weltweit in den letzten 15 Jahren schon um Einiges verbessert hat, vor allem dank der Qualität und auch Vielfältigkeit der Filme und auch der Tatsache, dass die Geschichten sich meist auf mehreren Niveaus abspielt. Die grösste Hürde, die sich uns Filmemachern in den Weg stellt ist die Tatsache, dass solche Hollywood Animationsfilme enorm zeit- und arbeitsaufwendig sind und die Budgets deswegen beträchtlich sind. Das heisst wir müssen das breitmöglichste Publikum ansprechen. Aus diesem Grund wählen wir meist sehr universelle Themen und Geschichten, die Spektakel bieten können. Innerhalb diesen Vorgaben aber, wollen wir Geschichten erzählen, die wir selber sehen möchten, Geschichten und Welten die uns faszinieren.

Wir sind natürlich alle totale Filmfanatiker und wollen etwas kreieren, das auch Bedeutung hat und wirklich unser Publikum bewegt. Wir versuchen also Filme für uns selber zu machen, aber gleichzeitig das Kind in uns und im Publikum nicht zu vergessen. Aber wir wollen ganz bestimmt auch nicht zu den Kindern herablassend sprechen und sie unterschätzen. Ich hoffe das ist uns mit How To Train Your Dragon 2 gelungen.

Man liest immer wieder davon, dass die Industrie in einer Krise steckt – und auch die letzten DreamWorks-Filme waren nicht wirklich Kassenschlager. Wie sehr steht man da bei einem Projekt wie How To Train Your Dragon 2 unter Erfolgsdruck oder Zugzwang?

Der Druck ist hauptsächlich für das Studio als Business da. Die Kosten, das heisst das Risiko muss kleiner werden, damit die Studios, die es noch gibt, überleben können. Aber auch mit der Zukunft des Filmvertriebes, vor allem durch das Streaming übers Internet und das Herunterladen der Filme muss man sich unter den verschiedenen Plattformen einig werden und einige Fortschritte machen. Vor noch 10 Jahren haben Animationsfilme vor allem durch den Verkauf von DVDs die teuren Budgets abgedeckt – dieses Geld fehlt jetzt den Studios. Shrek 2 hat so um die 30 Millionen DVD-Kopien in den USA verkauft und Despicable Me 2 noch so um die 6 Millionen. Das sind enorme Unterschiede, denn die Profitmarge auf den DVD’s waren substantiell im Gegensatz zu den Kinotickets. Auch das illegale Herunterladen unserer Filme bereitet den Studios grosse Sorgen.

DreamWorks hat aber in den letzten drei, vier Jahren enorm viel in neue Technologien entwickelt, die uns erlauben viel intuitiver zu arbeiten. How To Train Your Dragon 2 ist der erste Film an dem wir diese ‚cutting-edge‘ Programme anwendeten und es hat uns erlaubt enorme visuelle Fortschritte zu machen aber gleichzeitig auch effizienter zu arbeiten. Es ist ein wichtiger Schritt für unser Studio und wird uns in Zukunft viele Möglichkeiten geben. Zudem versucht das Studio zur Zeit das Risiko wesentlich zu verbreitern, z.B. mit Fernseh-Serien, YouTube-Kanälen, mehreren Filmen pro Jahr, Merchandising und anderem Content.

Für uns Filmemacher ist es jedoch wichtig, dass wir uns auf das Machen des bestmöglichen Filmes konzentrieren können und uns nicht gross übers Geld Gedanken machen müssen. Es wäre ein schlechtes Rezept, wenn wir uns von den finanziellen Herausforderungen ablenken liessen. Der Druck für uns ist das Bedürfnis einen super Film zu machen. Die Qualität des Filmes ist schlussendlich der beste Erfolgsgarant.

Jeffrey Katzenberg hat schon früh der „traditionellen Animation“ abgeschwört, und auch Disney hat vor Kurzem seine entsprechende Abteilung dicht gemacht. Hat diese Form der Animation deiner Einschätzung nach überhaupt eine Zukunft?

Ich denke der Hollywood-Zeichentrickfilm wird immer wieder mal kurz aufleben, aber wahrscheinlich nicht mehr so wie zuvor. Vielmehr wird man Mischtechniken erfinden, wie zum Beispiel Disney’s Kurzfilm Paperman, welcher mit wunderschönen 3D/2D-Bildern aufgebaut wurde und so grafisch neue Stile entwickeln. Da gibt es noch viel Spielraum und ich denke, dass da einige sehr interessante Techniken noch auf uns zukommen werden.

Welche Tipps gibst du angehenden Animatoren und Animatorinnen mit auf den Weg? Was gilt es zu beachten?

Man sollte sich wirklich gut überlegen, ob man diesen Beruf wirklich ergreifen möchte. Es reicht nicht, einen Animationsfilm machen zu wollen. Man muss die Arbeit lieben, nicht nur das Ergebnis. Dazu braucht es wirklich Durchhaltewillen. Und ein gutes Studium an einer renommierten Schule ist sicher auch nicht schlecht. Ausserdem sollte man bereit sein, die Schweiz zu verlassen. Spätestens nach der Ausbildung kommt man hier nicht wirklich weiter – die abendfüllenden Filme werden vorallem im Ausland produziert, weshalb gute Sprachkenntnisse zusätzlich wichtig sind.

  • Andreas

    Tolles Interview, danke!
    „Die Qualität des Filmes ist schlussendlich der beste Erfolgsgarant.“ Diese Aussage ist doch einfach super! Wenn sich nur mehr Produzenten daran orientieren würden…
    Ich fand den ersten How to train your Dragon sehr solide, auf den zweiten freue ich mich schon sehr (deiner Bewertung nach ist der ja sehr gut), und das bisschen, was hier über den dritten Teil verraten wird, klingt so, als könnte der wirklich interessant werden.

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  • donpozuelo

    Schönes Interview… die Sache, dass Animationsfilme keine Kinderfilme sind, versuche ich auch immer wieder brav an den Mann (oder die Frau) zu bringen. Ist echt schade, dass das hierzulande so ist… aber wenn man sich dann wiederum anschaut, was letztendlich im Kino landet, verwundert es mich auch nicht, dass viele das nur als Kinderkram ansehen. Die wirklich guten Sachen sind für die Verleiher uninteressant und kommen dann höchstens noch auf DVD.

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  • Alice

    Super Interview!
    Das „Kinderkram“- Ding hängt beim Schweizer Publikum leider oft auch an Videospielen.
    Ich würde mich enorm freuen, es kämen hierzulande auch mehr Animationsfilme heraus, die eben *nicht* ‚für die ganze Familie‘ sind, sondern nur für die Erwachsenen.
    Mach dann du das mal, Oli =P

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  • Roger

    Tolles Interview!! Animationsfilme gehen oftmals unbemerkt an mir vorbei, da ich mich (trotz meiner unsterblichen Liebe zu Comics) überhaupt nicht mehr dafür interessiere. Hab nicht mal ne plausible Erklärung weshalb … Seit Disney’s UP konnte mich kein Animationsfilm (Wreck-It Ralph noch am ehesten) so richtig begeistern 🙁

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